DIE ZEIT: Herr Meuser, wir brauchen dringend Wohnungen für die Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen. Und es war bisher schon schwierig, in den großen Städten bezahlbaren Wohnraum zu finden. Die Situation wird sich jetzt noch verschärfen. Warum hört man eigentlich so wenig von den Architekten dazu? Warum gibt es keinen großen Aufruf?

Philipp Meuser: Die Architekten sind von dem Thema genauso überrumpelt worden wie alle anderen auch. Manche rufen nun nach dem Naheliegenden: Dann müssen wir eben Container aufstellen! Eine Fehleinschätzung.

ZEIT: Was wäre denn eine langfristige Perspektive?

Meuser: Wenn wir jetzt Wohnraum für mindestens eine Million Menschen schaffen müssen, dann ist das für die Entwicklung der deutschen Städte eine große Chance! Jetzt haben wir Entwicklungsdruck, jetzt können wir die grundsätzlichen Fragen stellen: Welche Vision haben wir, wie wohnen wir im 21. Jahrhundert? Container am Stadtrand und im Gewerbegebiet sind da natürlich keine Antwort.

ZEIT: Gerade wird darum gestritten, ob man die strengen Bauvorgaben lockern soll.

Meuser: Wenn ich heute als Architekt eine Wohnung plane, dann muss ich dazu beispielsweise auch einen Parkplatz nachweisen oder diesen mit Ausgleichsmaßnahmen abgelten, also Geld zahlen. Ein Haus mit 20 Wohneinheiten braucht 20 Stellplätze. Für eine geregelte Stadtentwicklung ist diese Vorgabe sicher sinnvoll. Aber das muss man jetzt außer Kraft setzen für Bauherren, die in der aktuellen Notsituation innerstädtische Wohnungen errichten wollen. Ein anderes Beispiel: Architekten und Bauherren schimpfen über die Energie-Einspar-Verordnung. Sie führt zunächst zu höheren Herstellungskosten, auch da muss man zurückschrauben. Die Politik könnte sagen: Wer im nächsten Jahr für ein Wohngebäude den Bauantrag stellt, dem werden verschiedene Auflagen erleichtert.

ZEIT: Sie haben als Architekt weltweit zahlreiche Städte studiert, von Afrika bis China. Orte, an denen viel und schnell gebaut wird. Gibt es Dinge, die wir hier übernehmen könnten aus diesen Regionen, in der jetzigen angespannten Situation?

Meuser: Sowohl in China als auch in der gesamten ehemaligen Sowjetunion ist es so: Wenn Sie eine Wohnung kaufen, handelt es sich meist um einen Rohbau. Sie können also relativ günstig eine Eigentumswohnung erwerben, die ist aber nicht ausgebaut. Da ist nur eine Heizung drin, Anschlüsse für Wasser, Strom und Gas. Den Ausbau machen Sie selbst und können sich überlegen, ob Sie Eichenparkett reinlegen oder nur Linoleum. Wir müssen auch dahin kommen, dass Wohnungen nicht nur schlüsselfertig übergeben werden, sondern dass man selbst ausbauen kann.

ZEIT: Aber selbst das werden sich die allermeisten Flüchtlinge doch nicht leisten können. Und viele Deutsche, die nach günstigen Wohnungen suchen, genauso wenig.

Meuser: Nein, natürlich nicht. Aber die Gesamtlage würde sich entspannen, weil auch die untere Mittelschicht eine eigene Wohnung kaufen könnte, eben mit einem relativ geringen Standard. Unser kulturelles Verständnis vom Immobilienkauf gibt das aber gar nicht her.

ZEIT: Bauen wir also zu komfortable Wohnungen?

Meuser: Wir brauchen eine Diskussion über Wohnungsstandards. Da haben wir Architekten wegen des aktuellen Handlungsdrucks doch mal eine Chance! Wir müssen die Standards senken. Unser Büro hat kürzlich einen Gewerbebau in Wohnraum umgewandelt, Sie können sich nicht vorstellen, was wir da für ein Theater gehabt haben, angefangen von der Trittschalldämmung über die Anzahl der Spielgeräte im Innenhof bis zur Umsetzung des Erneuerbare-Energien-Gesetzes. Mehrkosten an jeder Ecke! Anstatt dass man einfach eine Küche und ein vernünftiges Badezimmer einbaut und fertig. Bislang ist kostengünstiger Wohnungsbau für die meisten Architekten aber kein besonders attraktives Thema, die Honorare sind niedrig, die Aufgabe ist nicht repräsentativ, das Ergebnis bedient nur die Nachfrage nach billigem Wohnraum. Aber das muss sich ändern. Unsere Energien müssen in bezahlbaren Wohnungsbau fließen!

ZEIT: Man muss dafür ja gar nicht bis nach China schauen, auch in den Niederlanden schafft man es zum Beispiel, die Baukosten niedrig zu halten.

Meuser: Wenn man sich dort Neubaugebiete anschaut, sind das winzig kleine Reihenhäuser ohne Keller. Da fängt es schon an mit den Kosteneinsparungen. Oft hat man auch keine doppelte Wand mit dem Nachbarn, sondern eine gemeinsame Wand. Wenn ich da einen Nagel reinhaue, und der ist zu lang, kommt er beim Nachbarn wieder raus. Das muss man dann in Kauf nehmen.

ZEIT: Und das sollte uns tatsächlich Vorbild sein?

Meuser: Ja, wenn es um günstigen Wohnraum geht. Es gibt drei Wege, Baukosten zu senken: Einmal kann man die Fläche reduzieren. Eine vierköpfige Familie wohnt dann eben nicht auf 80 Quadratmetern, sondern nur auf 60 Quadratmetern. Die zweite Möglichkeit: Ich kann die Standards reduzieren. Das sind oft auch Kleinigkeiten: Im Badezimmer verlege ich eben die Kacheln nicht bis zur Decke, sondern nur zwei Reihen oberhalb des Waschbeckens. Und dann, als letzte Möglichkeit, kann man überlegen, ob man Bauteile industriell vorfertigen lassen kann.