ZEIT: Was heißt das konkret?

Krüger: Es muss möglich sein, Zielkonflikte offen anzusprechen und auch unabhängig von der Hierarchiestufe zu eskalieren. Ich halte das Thema Führung und Kultur gerade in Zeiten des digitalen Wandels für enorm wichtig. Denn es geht künftig nicht nur um die Digitalisierung der Technik, sondern darum, wie ich in Zeiten des digitalen Wandels führe. Das erfordert eine ganz andere Transparenz und eine schnelle Feedbackkultur.

ZEIT: Könnte es auch bei Ihnen passieren, dass ein Ingenieur zu unlauteren Mitteln greift, um seine Entwicklungs- und Kostenziele zu erreichen? Weil er denkt, er würde sich sonst blamieren?

Krüger: Der Mitarbeiter muss dann das Herz und den Verstand haben, zu sagen: Wir können das gesetzte Ziel unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht erfüllen. Wir müssen eine Kultur sicherstellen, die diese Ehrlichkeit zulässt. Man muss das vorleben. Die Maßnahmen, um die Emissionsziele zu erreichen, kosten uns Milliarden. Natürlich beeinträchtigt das die Profitabilität. Aber das sind Zielkonflikte, bei denen wir als Führungsmannschaft in der Verantwortung stehen und klare Entscheidungen treffen müssen. Damit können wir den einzelnen Mitarbeiter nicht alleinlassen. Möglicherweise kostet dann die notwendige Technologie mehr, als es ursprünglich das Ziel war.

ZEIT: Wäre es nicht an der Zeit, sich aus der Abhängigkeit vom Diesel zu befreien?

Krüger: Ich bin ein großer Anhänger der Elektromobilität. Aber in den kommenden Jahren wird es ohne den Diesel nicht gehen, besonders wenn wir die CO₂-Ziele erreichen wollen. Alternative Antriebsformen wie Elektromobilität und Wasserstoff können die Einsatzbreite des modernen Dieselmotors heute noch nicht vollständig abdecken. Und wir werden neben dem BMW i3 schon bald ein weiteres elektrisches i-Modell auf den Markt bringen.

ZEIT: Sie haben viele Milliarden in Ihren kleinen elektrischen Carbon-Stadtflitzer i3 investiert. Wann kommt dieser nächste Elektro-BMW? Wird das eine große Limousine? Ein SUV?

Krüger: Das zusätzliche BMW-i-Modell wird größer als der BMW i3, so viel kann ich heute schon verraten. Wir wollen unser Angebot für die E-Mobilität erweitern und so den Wandel hin zu diesem Antrieb beschleunigen. Heute entscheiden sich viele Käufer noch gegen ein Elektrofahrzeug, die Nachfrage ist insgesamt noch gering.

ZEIT: Wie lässt sich das ändern?

Krüger: Wir brauchen mehr staatliche Förderung der Elektromobilität. In Norwegen, den Niederlanden und auch Kalifornien, wo Elektroautos stark gefördert werden, entwickelt sich der Absatz positiv. In Norwegen ist jeder fünfte BMW ein i3.

ZEIT: Wie viele Elektrofahrzeuge verkaufen Sie denn zurzeit?

Krüger: Wir haben im September weltweit gut 3.300 BMW i3 verkauft ...

ZEIT: Und mehr als 200.000 konventionell angetriebene BMW, Mini und Rolls Royce ...

Krüger: Richtig. Dennoch hat sich der BMW-i-Absatz im Vergleich zum Vorjahr fast verdoppelt – auf rund 20 500 BMW i3 und i8 bis September. Und der i3 ist weltweit auf Platz drei der Verkaufsrangliste für Elektrofahrzeuge. Richtig ist aber auch: Wenn Deutschland einen Sprung zu nachhaltiger Mobilität machen will, dann geht das nicht ohne zusätzliche staatliche Anreize.

ZEIT: Wie sollte der deutsche Staat Elektroautos fördern?

Krüger: Das können steuerliche Anreize sein oder auch direkte Zuschüsse, um den Kunden den Einstieg in die Elektromobilität zu erleichtern.

ZEIT: Warum sollte der Staat der Industrie helfen?

Krüger: Deutschland hat mit seiner starken Automobilindustrie die Chance, ein Vorreitermarkt für die Elektromobilität zu werden. Hierzu braucht es auch die Unterstützung durch die Bundesregierung, es geht ja nicht nur um die Autohersteller, es geht auch um den ganzen Mittelstand und die Zulieferindustrie.

ZEIT: Es gibt viel zu wenige Stromtankstellen in Deutschland. Wie wollen Sie das ändern?

Krüger: Bei der Infrastruktur müssen auch die Energieversorger und die Kommunen etwas tun.

ZEIT: Das zweite Problem ist die Reichweite von Elektroautos. Nach 150 Kilometern ist die Batterie leer.

Krüger: Die Batteriezelltechnologie entwickelt sich weiter. Eine Erhöhung der Reichweite beim i3 wird schon im Jahr 2016 kommen. Ein weiterer Technologiesprung kommt sicherlich schon in drei, vier Jahren. Dann kommen Sie pro Ladung schon bald doppelt so weit, ohne dass sich das Gewicht der Batterie weiter erhöht.