Dieser Film ist so großartig, dass man ihn zweimal, ach was, dreimal hintereinander sehen möchte. Selten wurde von der Trauer und vom Verlust, vom ganzen Entsetzlichen des Lebens, leichter und zärtlicher, humorvoller und anrührender erzählt als in Body, dem jüngsten Film der polnischen Regisseurin Małgorzata Szumowska. Es fällt schwer, angesichts dieses Meisterwerks Superlative zu vermeiden. Und man scheut sich fast, den Inhalt wiederzugeben, der so wenig über den Film aussagt, dass man fürchtet, ihn dadurch zu entweihen. Denn klingt nicht alles nach einem fahlen und scheinbedeutsamen Sozialdrama mit dem Prädikat "besonders wertvoll" ?

Da ist also Janusz, ein Kriminalbeamter der Warschauer Mordkommission in fortgeschrittenem Alter mit Alkoholproblem (Wodka), der mit seiner Tochter Olga in einem Plattenbau wohnt. Tagsüber eilt der untersetzte Kommissar an die Tatorte, inspiziert ein ermordetes Kleinkind auf der Bahnhofstoilette, Erhängte oder Erstochene, und abends beobachtet er schweigend und fassungslos in der kleinen gemeinsamen Wohnung seine hochdepressive Teenagertochter Olga, die an schwerer Magersucht leidet, Stunden auf der Toilette verbringt, nachts umherirrt und sich ab und an mit Tabletten umzubringen versucht. Die Ausgemergelte und Passiv-Aggressive bringt Janusz in ein Krankenhaus, das auf derartige Fälle spezialisiert ist. Die Gruppentherapie findet bei der eigentümlich bieder-esoterischen Psychologin Anna statt, die einen ganz speziellen Zugang zu den Mädchen sucht und findet, denn sie begreift sich als Medium, das mit Verstorbenen kommuniziert.

Die Tote, um die der Film eindringlich kreist, ist die Frau des Kommissars und die Mutter Olgas. Vater und Tochter kommen nicht darüber hinweg, dass sie sechs Jahre zuvor an einer Krankheit verstarb. Janusz und Olga isolieren sich durch ihre jeweiligen Süchte von ihrer Umwelt und vor allem voneinander. Und auch das Medium, die Therapeutin Anna, so ausgeglichen sie tut, ist in Wahrheit schwer durcheinander. Auch sie hat einen Trauerfall zu bewältigen, ihr Sohn verstarb als Säugling – und sie tröstet sich mit einem wirklich sehr großen Hund und ihren angeblich übersinnlichen Fähigkeiten über den Schicksalsschlag ziemlich hilflos hinweg. Die Handlungsspannung in diesem Film entfaltet sich an der Frage, ob Anna für die Verbliebenen einen Kontakt zur Verstorbenen knüpfen kann, um die Trauer zu bewältigen. Und ob das Okkulte sich gegen den aufklärerisch-kalten Blick des Kommissars behaupten kann.

Der Film, bei der vergangenen Berlinale übrigens Gewinner des Silbernen Bären für die beste Regie, geht aufs Ganze: Er fokussiert den unendlichen Schmerz, jemanden verloren zu haben, den man liebt. Allen sozialdramatischen Anklängen zum Trotz ist er dabei ungeheuer komisch, ohne je ins Alberne zu kippen. Man lacht, weil die Schicksalsschläge so gut wie jeden ereilen. Und liegt nicht in jedem Lachen letztlich eine Abwehr? Man lacht doch in Wahrheit selten aufgrund blöder, trinkseliger Fröhlichkeit, sondern weil die Abgründe einem eine unpassende Heiterkeit abringen. Nur eine Flattersekunde trennt den traurigen Gesichtszug der Figuren vom heiteren.

Es spukt in dem Haus des Kommissars Janusz übrigens tatsächlich. Die Musikanlage schaltet sich einmal wie von Geisterhand an und spielt den Popsong der Jugend. Ein Fenster öffnet sich, als habe die Frau des Kommissars ein Zeichen geben wollen. Die Tür ihres Zimmers, von Tochter und Gatte nie betreten, öffnet sich, ohne dass man eine Erklärung dafür hätte.

Janusz Gajos gibt den Kommissar, den übergewichtigen, schwerfälligen, reaktionsarmen, im Sozialismus sozialisierten, altmodischen Polizisten, der stoisch die Eigentümlichkeiten seiner Zeit erfasst oder erträgt, die Grausamkeit der Morde wie die freundliche Tunte an der Tankstellenkasse oder die Therapiesucht der Gesellschaft.

Womöglich kennt der eine oder andere Zuschauer Gajos noch aus Krzysztof Kieślowskis Dekalog, ansonsten dürfte er hierzulande so unbekannt sein wie Maja Ostaszewska, die Anna, die Psychologin, spielt und ebenfalls zu den großen Stars des polnischen Films zählt – vor allem deshalb, weil ihre Wandlungsfähigkeit beeindruckt: In Małgorzata Szumowskas vorherigem Film Im Namen des ... spielt sie die erfolglose, aber beharrliche Verführerin eines Priesters und ist darin das ziemliche Gegenbild zur Eso-Tante in Body, die so verletzlich und unerlöst im Hausflur ein sich umarmendes, übereinander herfallendes Paar belauscht. Es gibt Bilder in diesem Film, die man über Tage nicht vergisst.

Formales ließe sich ergänzen: Die Fähigkeit Szumowskas, reale Welten wie komponierte Gemälde einzufangen, die trist-schöne Siedlung mit ihren Plattenbauten und der gar nicht so misslungenen Architektur des Sozialismus, die immer nur im Westen verhöhnt wird. Diese Berge aus Stein und der so großen Hoffnung einst, in ihnen möge der neue, der bessere Mensch wohnen. Einsame Café-Szenen, die auch in einem amerikanischen Diner spielen könnten. Szumowskas stilsicheres Verfahren, Dogmafilm-Elemente, handkamerahafte und hektische Eindringlichkeit scharf gegen die stille Weite von Warschaus Häusermeer zu schneiden, dieser so völlig zerstörten und hässlichen, dieser so anmutigen und schönen Stadt.

Es spukt in diesem Film, denn der Katholizismus Polens neigt seit jeher lebhaft ins Mystisch-Slawische, ins Gespensterhafte, ins Abergläubische. Meine polnische Großmutter erzählte einmal glaubhaft davon, dass mein verstorbener Großvater nachts in ihrem Haus immer staubsauge, wenn alle schliefen, und niemand in der Familie bezweifelte das. Małgorzata Szumowska, die erst 42-jährige Regisseurin, macht sich über die Wundergläubigkeit nicht lustig. Man meint sogar, sie glaube an sie. Der Film beginnt damit, dass an einem Tatort an der Weichsel der Erhängte, ein Landstreicher, abgehängt wird. Er plumpst zu Boden, der Kommissar ist ungerührt und führt im Nebel Protokoll. Aber nur wenige Einstellungen später steht der Selbstmörder auf und torkelt davon, als sei alles nur ein Versehen gewesen. Wir sind umgeben von Untoten. Nichts, was verging, ist fort. Dieser Film ist so wunderbar uncool. Er trägt einen durch den Herbst.