Freud, die alte Koksnase, hätte sich dieses Stück ausdenken können: Psychoanalyse goes Geisterbahn. Traumata in der Kirmes-Version. Will man sich das anschauen? Will man nicht, man liest ja auch nicht den Therapiebericht, sagen wir, eines Dieter Bohlen (wenn er denn Therapie machte). Das aber genau ist das Phantom der Oper: der Dieter Bohlen der Belle Époque, ein Superimpresario, der Sternchen zu Stars macht und Nullnummern zu Helden der Top Ten.

Wir erinnern uns an Teil I: Der Mann mit dem halben Gesicht hat komplett größenwahnsinnige Pläne für das Operettengirl Christine. Er ist "der Engel der Muse", und wen er küsst, metaphorisch gesprochen (konkret darf er ja nicht), der richtet sich zu voller künstlerischer Größe auf. Dafür muss die Betreffende hinab in die Katakomben der Pariser Oper. Kellerverlies, designed by Versace und, rein bühnenbildtechnisch gesprochen, die krasseste Bebilderung des Verdrängten seit den frühen Dracula-Filmen.

Christine wurde in Folge eins zum neuen It-Girl des Opernbetriebs, entschied sich am Ende dann aber doch gegen die Kunst und für einen Mann, dessen Visage nicht an einen schlecht geschminkten Pierrot erinnert.

Phantom II – es klingt wie die Fortsetzung eines Tarantino-Films im Geiste des Siebziger-Jahre-Bahnhofskinos. Und so hätte man die Sache retten können: als ironische, krachende Nummernrevue, in der das Bleichgesicht den bürgerlich Arrivierten – also Christine, mittlerweile Starsängerin, und ihrem Mann, einem edel-versoffenen Grafen – ordentlich heimleuchtet.

Stattdessen: Tanzeinlagen und Songs wie aus einer sehr ambitionierten, letztlich aber unerträglichen Castingshow. Das Titelstück Liebe stirbt nie kann für sich in Anspruch nehmen, die Geige zur Fräse umzuwidmen. Noch nie wurde sich derart energisch durch die Harmonien gesäbelt.

Hauptdarstellerin Rachel Anne Moore singt die Ballade vor einer gigantischen Pfauenfeder-Deko. Soll noch einer sagen, die Puffs der Gründerzeit seien nicht mehr für Inspirationen gut.

Sehr schön auch das Lied mit dem Refrain: "Man gibt, man liebt, egal, was man dafür erhält." Das ist entweder die Idee des Christentums als Gassenhauer. Oder die neue offizielle Hymne der Co-Abhängigen. Speaking of seelische Defekte: Christines Sohn (sehr tapfer trällernd: Kim Benedikt, Solist der Chorakademie Dortmund) ist in Wirklichkeit – wir sagen hier nur: "Luke, ich bin dein Vater."

Am Ende, wenn Christine gestorben ist – so richtig opernhaft, mit Daliegen, Singen, Schmachten, Verenden, Doch-noch-am-Leben-Sein, Weitersingen –, bleibt der Junge quasi mit zwei Vätern zurück. Patchwork, aber in der Horror-Swarovski-Glitzer-Erlebnispark-Edition.

"Er ist kein Mephisto", sagt irgendwer zwischendurch in dieser Inszenierung über das Phantom (opernhaft volltönend: Tenor Gardar Thór Cortes). "Er ist nur ein Zirkusmonster!"

Vielleicht liegt darin das Problem: Dass Andrew Lloyd Webber, der mit Evita und Der weiße Hai, Pardon, Cats, zwei der erfolgreichsten Musicals aller Zeiten verfertigt hat, dass dieser alle Register und Tonlagen des Populären – von Operette über Rock, Pop bis Jazz und Soul – beherrschende Künstler, genau das wollte: einen Verführer schaffen, mit dem sich noch einmal im Medium postmodernen Bühnenrummels der große Konflikt Kunst versus Bürgerlichkeit illustrieren lässt.

Und dafür war ihm leider eine solide Bühnenliedklamotte nicht genug, er musste das Phantom noch nach Coney Island schicken und zum Impresario von Gauklern und Freaks machen, die hier über die Bühne turnen, als seien sie die ausgemusterten Figuren des Cirque du Soleil.

In London lief das Stück nur ein halbes Jahr. Man zog weiter nach Kopenhagen, auch dort: Finale nach sechs Monaten. An den Broadway hat man sich gar nicht erst getraut.

Aber nach Hamburg. Weil man weiß, dass wir hart im Nehmen sind. Unsere Liebe zum Musical? Stirbt nie.