Es wurde lange nicht mehr so viel gehasst in Deutschland. Und lange nicht mehr so viel geliebt. Vielleicht hängt beides miteinander zusammen.

Am vergangenen Sonntag wurde eine parteilose Frau mit absoluter Mehrheit zur Kölner Oberbürgermeisterin gewählt. Ihren Wählerinnen und Wählern konnte sie nicht danken, denn Henriette Reker lag im Koma, nachdem ein Rechtsradikaler sie heimtückisch niedergestochen hatte. Wenige Tage vor dem Attentat hatten Pegida-Demonstranten selbst gebastelte Galgen mit sich herumgetragen, reserviert für die Kanzlerin und ihren Stellvertreter Sigmar Gabriel. Auf der eher linken Demonstration gegen das Handelsabkommen TTIP wurde eine Guillotine für ähnliche Zwecke vorgezeigt.

Ebenfalls am Sonntag saß ein Mann bei Günther Jauch im Ersten Programm, der beim Zuschauer eine gewisse Sehnsucht nach Bernd Lucke aufkommen ließ. Der frühere AfD-Chef war immer bemüht, Teil des politischen Establishments zu werden, der neue Star der Partei hingegen, Björn Höcke, tritt als Revolutionär auf, er will ganz offenkundig nicht mehr ins Establishment, er verachtet es ostentativ, will es mithilfe "des Volkes" hinwegfegen. Was immer das bedeutet.

Am Montagabend wurde ein Pegida-Anhänger bei Auseinandersetzungen mit Gegendemonstranten schwer verletzt.

Das alles sind unterschiedliche Phänomene, rechte Gewalt ist zurzeit weit schlimmer als linke, reden ist nicht tun, Höcke ist ein Hetzer, aber kein Mörder, ja er missbilligt die Gewalt gegen Politiker, das darf man ihm schon glauben. Dennoch weisen alle Zeichen in dieselbe Richtung: Verrohung, Brutalisierung – Hass.

Und davon immer mehr.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Es wirkt in diesen Tagen so, als ob jede Minute irgendjemand eine Hemmung fallen lässt, nach einem härteren, verletzenderen Wort sucht, mit einer verbalen Keule herumrennt, um damit ein Tabu zu zertrümmern. Akif Pirinçci, der türkischstämmige Autor eines erfolgreichen Katzenkrimis, bedauerte am Montag auf der Dresdner Pegida-Kundgebung am Mikrofon: "Die KZs sind ja leider derzeit außer Betrieb." Dafür entschuldigte sich hernach Lutz Bachmann, das ist der rechte Anführer, der sich vor einiger Zeit bereits für seine eigenen Hitler-Späße im Internet entschuldigt hat.

Da eskaliert etwas. Gegen diesen Herbst waren die Konflikte der vergangenen Jahre – sogar die um den Euro – ein Sturm im Wasserglas. Viele spüren jetzt das Bedürfnis in sich, egal, auf welcher Seite sie stehen, weiterzugehen als sonst, als je zuvor, sie möchten sich ein bisschen enthemmen.

Aber warum? Den tiefsten Grund kennen wir. Man kann ihn nachlesen in den beiden Büchern, die unsere Kultur und die der Neuankömmlinge am meisten prägen. In der Bibel steht, dass Jesus Christus durch seine Botschaft der Liebe, seine Absage an die Gewalt, seine Forderung nach der Gleichheit aller Menschen den grenzenlosen Hass der gelehrten Elite und des Mobs auf sich zog. Ans Kreuz musste er, denn er hatte ein starres Weltbild angegriffen, das Vorurteil, das Denken in Oben und Unten, in Wir und Die.

Eine ähnliche Geschichte erzählt auch der Koran. Mohammed, selbst verwaist, setzte sich ein für die Witwen und Waisen, für alle, die sonst der Verachtung anheimfielen, dafür schickten ihm die Herrschenden von Mekka den Mörder ins Schlafzimmer. Vergebens. Und als er nach Medina floh, griffen sie ihn dreimal an, mit immer größeren Heeren.