Für das Schreckliche eine Sprache finden: Viele Autoren des letzten Jahrhunderts haben sich dieser ästhetischen Mission verschrieben. Denn das Lager war zur zentralen Erfahrung, zur Chiffre einer ganzen Epoche geworden, Millionen Menschen kamen darin um. Und es waren Überlebende, die – höchst unterschiedliche – Worte für dieses eigentlich ja unvorstellbare alltägliche Grauen fanden, man denke nur an Alexander Solschenizyn und Warlam Schalamow, an Primo Levi und an Imre Kertész. Die Zeit der Überlebenden ging zwar im neuen Jahrtausend allmählich vorüber. Doch mit der Literatur über jenen menschenvernichtenden Mahlstrom von einst war es noch nicht vorbei; nachgeborene Schriftsteller suchten nach einer eigenen Ästhetik des Schreckens.

Das bedeutendste Werk, das im neuen Jahrhundert diese dunkle Erinnerung fortschrieb, ist der 2009 erschienene Roman Atemschaukel von Herta Müller, im gleichen Jahr erhielt die Autorin den Literaturnobelpreis. Das Buch der 1953 im rumänischen Banat geborenen Autorin, die 1987 in die Bundesrepublik ausreiste, ist keine Lagerliteratur einer Überlebenden. Müller hat als Nachgeborene geschrieben und dabei die Erfahrungen ihrer Mutter, die mehrere Jahre in sowjetischen Lagern verbrachte, verarbeitet, ebenso die von anderen Bewohnern ihres Heimatdorfes – aber vor allem die Geschichte von Oskar Pastior. Der 1927 geborene Dichter war als 17-Jähriger wie Hunderttausende andere Deutsche zur Zwangsarbeit in die Sowjetunion deportiert worden. Müller und Pastior hatten ein gemeinsames Buch über dessen fünfjährige Leidenszeit geplant; als ihr enger Freund 2006 starb, formte Müller das Material zu einem großartigen Vermächtnis für Pastior.

Das Besondere an diesem Buch ist die Sprache, in der das Schicksal von Leopold Auberg, dem Alter Ego Pastiors, in 64 kurzen Kapiteln erzählt wird. Denn Müller poetisiert das Grauen. Bildstark setzt sie nicht auf schlichte, existenzialistische Kargheit, sondern auf die Schönheit des Wortes, um das Furchtbare zu beschreiben. "Ich esse einen kurzen Schlaf, dann wache ich auf und esse den nächsten kurzen Schlaf": So klingt es, wenn sie vom allgegenwärtigen Hunger im Lager erzählt, unter dem Auberg wie alle anderen Häftlinge leidet. Sie zeichnet in zahllosen Details eine Parallelgesellschaft am existenziellen Nullpunkt, in der man sich Kochrezepte wie Witze erzählt, in der ein Advokat seiner Frau deren Brotration wegisst, bis sie stirbt, in der einem Brotdieb von den Mithäftlingen die Zähne ausgeschlagen werden. Als Leopold Auberg nach fünf Jahren in seine Heimat zurückkehrt, wird er zum "Nichtrührer", der die in seinem Leib eingekapselten Erfahrungen nicht anrührt, aber der zeitlebens von ihnen geformt sein wird. Und Leser von heute wissen nach dieser erschütternden Lektüre, dass die Gewalt und das Grauen von damals vielleicht verborgen, aber nicht verschwunden, sondern vielmehr immer noch der Untergrund unserer Gegenwart sind.