"Der ganze Himmel eine hohe Flamme": So erlebte eine Frau jene Nacht des Jahres 1986, in der der Reaktor vor Tschernobyl explodierte. Jahre später erinnert sie sich daran, wie ihr Mann allmählich daran starb, er war als Feuerwehrmann vor Ort im Einsatz, ohne Schutz. Im Krankenhaus sprach man noch von Gasvergiftungen, kein Wort über radioaktive Strahlung. In der Spezialklinik bewachten irgendwann Soldaten die Sauerstoffzelte, weil das Pflegepersonal sich weigerte, ohne Schutzkleidung weiterzuarbeiten. Die Geigerzähler spielten verrückt im Krankenzimmer. Dennoch schlief die hochschwangere Frau heimlich bei ihrem Mann unter dem Zelt, trotz Warnungen: "Er ist kein Mensch mehr, sondern ein Reaktor, ihr verbrennt zusammen." Nach 14 Tagen war er tot. Und zwei Monate später auch ihr Kind, sogleich nach seiner Geburt.

Es sind erschütternde Stimmen, die Swetlana Alexijewitsch für ihr Werk Gespräche mit Lebenden und Toten über die Katastrophe von Tschernobyl gesammelt hat. Wer miterleben will, wie die frisch gekürte Literaturnobelpreisträgerin in ihren zahlreichen Büchern meistens arbeitet, der greife am besten zur bereits vor vielen Jahren entstandenen, wieder lieferbaren Hörfassung, ausgezeichnet als Hörspiel des Jahres 1999. Jahrelang hat die weißrussische Journalistin Zeugen befragt und die Erlebnisse von Tschernobyl aufgezeichnet. Das großartige Hörspiel nun inszeniert ihre Sammlung menschlicher Stimmen tatsächlich als vielköpfigen Chor, von mehreren Sprechern in schlichter Sprache vorgetragen, ab und an von zurückhaltend eingesetzten Geräuschen unterbrochen. Und es sind ergreifende Schilderungen, die wir hören.

Überall lauert der geheime Tod, beschrieben von Ärzten, Wissenschaftlern, Soldaten, Bauern, den sogenannten einfachen Menschen. "Meine Tochter ist an Tschernobyl gestorben": ein Vater aus der Umgebung erzählt, wie seine sechsjährige Tochter allmählich an der Strahlung zugrunde geht. Während die Hubschrauber am Himmel kreisen, werden die Dorfbewohner der Umgebung evakuiert, die Frauen beten, auf Knien rutschend, die Soldaten zerren sie weg. Aber es gibt auch den Aussteiger, der extra vor der Gesellschaft flieht, hinein in die nach der Evakuierung menschenleere "tote Zone" um den einbetonierten Reaktor: Der Mann vertreibt die Wölfe, die mittlerweile im verlassenen Schulgebäude hausen. Die Tiere, sie sind jetzt überall und müssen gejagt werden, sie sind gefährlich kontaminiert. Über dem Betonpanzer wird die rote Fahne hochgezogen, doch immer wieder muss sie nach nur einem Monat ersetzt werden: Die Radioaktivität hat sie völlig zersetzt.

Himbeerfarben hatte der Reaktor gleichsam von innen geleuchtet bei der nächtlichen Explosion, viele Einwohner der Umgebung betrachteten ihn von den Fenstern ihrer Wohnblöcke aus. Da wussten die Menschen noch nicht, was ihnen bevorstand: etwas "Unbekanntes wie auf dem Mars".