Wer bislang dachte, der Sport würde sich nicht mit den letzten Dingen beschäftigen, muss sich angesichts der neusten Entwicklung in der Stadt verschämt zurückziehen und vehement das Gegenteil behaupten. Denn jetzt gibt es das ultimative – und dieser Begriff ist an dieser Stelle wörtlich zu nehmen – Accessoire für den HSV-Fan: den HSV-Sarg.

Der Sarg besteht zu 97 Prozent aus südafrikanischen Zuckerrohrfasern, zu zwei Prozent aus Papier und zu einem Prozent aus ökologischen Bindemitteln. So verkauft ihn das Unternehmen Cremona auf seiner Homepage. Der Sarg ist damit ein umweltfreundliches Produkt seiner Art, da diese Stoffe CO₂-neutral verbrannt werden können und keine Nieten und Nägel eingesetzt werden. Statt des HSV-Emblems kann man auch andere Motive auf den Sarg drucken lassen: Dünen, eine Orchidee, ein Segelboot, einen Strandkorb, eine Stielrose, einen Biker und ein Klavier. Die Bilder sollen dem Tod seinen Schrecken nehmen. Jeder der Särge kostet 1150 Euro.

Der HSV-Sarg ist in seinem Design, keine Überraschung, in den Farben Blau, Weiß und Schwarz gehalten, den Vereinsfarben. Das Zentrum der Sargplatte bildet ein Fußball, ein schlichtes Modell in Schwarz-Weiß, eher eine Retro-Variante, der auf einer Torlinie liegt. Über dem Ball, also dort, wo in etwa der Kopf des Verblichenen ruht, ist das Vereinslogo des HSV, die Raute, eingezeichnet. Sie befindet sich ebenfalls an allen vier Seiten des Sargs.

Der Sarg wurde, so erzählt es das Unternehmen Cremona, vom HSV abgesegnet – wobei das Wort "segnen" an dieser Stelle rein inhaltlich und nicht metaphysisch gemeint ist. Der HSV ist also mit diesem Sarg zufrieden.

Was das über den Verein aussagt?

Eine Vorkehrung für den Dino der Bundesliga, falls er doch bald stirbt? Für einen Club mit einer leblosen Mannschaft? Für einen Verein, der sterbenslangweiligen Fußball bietet, der eigentlich hätte absteigen müssen (in diesem Sarg gleich ab in die Hölle?), sich aber noch am Leben gehalten hat?

Nein, keine plumpen Allegorien. Besser bei den Fakten bleiben. Die sind schon ausdeutungswürdig genug. Ein Sarg also: Ein Sarg, das kann man gar nicht anders sehen, ist der Endpunkt des Marketings. Der Punkt, an dem es kein Zurück gibt. Fans können seit einiger Zeit Bettwäsche und Schlüsselanhänger und Bieröffner und Wackeldackel und Gartenzwerge ihres Lieblingsvereins kaufen. Also im Grunde alles, was man an nützlichen und unnützen, aber liebenswerten Gegenständen im Leben gebrauchen kann. Der Sarg ist die konsequente Weiterführung dieses Gedankens. Sozusagen die extended version. Von der Wiege bis zur Bahre, heißt unter Marketing-Gesichtspunkten: vom Strampler bis zum Sarg.

Der Image-Transfer soll aber selbstverständlich beidseitig sein. Der HSV kann vom Sarg profitieren, weil seine Fans in einem weiteren Bereich des Daseins, der eigentlich nichts mit Fußball zu tun hat, die Möglichkeit haben, ihn mit ihrem Verein zu verbinden und somit – soweit das geht – positiv zu konnotieren. Für den Sargproduzenten ist die Verbindung zum HSV noch essenzieller (weshalb wohl er es war, der die Idee für diese Spezialanfertigung hatte und nicht der Fußballclub selbst). Einen Sarg in einem guten Licht dastehen zu lassen ist, nun ja, nicht die leichteste Aufgabe. Es hört etwas auf, unwiderruflich. Wie lässt sich das verkaufen? Nur, indem der Sarg nicht irgendein Sarg ist, sondern einer, der eine Botschaft transportiert, die der Tote sich selbst ausgesucht hat.

Die Frage beim HSV-Sarg ist nur: Welche Botschaft, abgesehen von derjenigen, dass der Verblichene ein Anhänger des HSV war, transportiert dieser Sarg? Da wird es ein wenig schwieriger mit der Deutung. Der Ball, der auf der Torlinie und nicht im Tor liegt. Erst mal scheint das keine tröstende Metapher zu sein. Vielmehr ist es genau der Zustand, der Fans zu Verzweiflung bringt, man könnte auch sagen: den sie zum Verrecken nicht leiden können. Der Ball ist nicht über der Linie, wieder kein Treffer, wieder eine vertane Chance, kein Sieg, kein Ruhm. Nichts.

Man kann diese Linie im Kontext des Sterbens aber natürlich auch anders deuten: Der Mensch, der im Sarg liegt, hat gerade die Linie vom Leben zum Tod überschritten. Das tat er im Beisein dessen, was ihm im Leben wichtig war, vielleicht gar am wichtigsten: im Beisein seines HSV.

Die zweite Deutung passt eindeutig besser zu dem, was der Marketingchef des Sargfabrikanten über sein Produkt verbreiten möchte. Der Sarg mit HSV-Logo sorge für mehr Kultur bei Bestattungen, sagt Peter Hirtschulz. Ein bunter Sarg sei für Kinder angenehmer und für alle Anwesenden lebensnäher. Denn vielerorts kämen Beerdigungen doch Entsorgungen gleich.

Das Motiv auf dem Sarg als Sinnstifter für Menschen, denen der Fußball ein Leben lang eine Ersatzreligion war: Das ist es, was dieser Sarg wahrlich zu bieten hat.