Wegen einer Todesdrohung steht der siebzigjährige pensionierte Englischprofessor K. S. Bhagavan rund um die Uhr unter Personenschutz, mit vier Polizisten im Dauereinsatz – aber was auf den ersten Blick von seiner Bewachung zu sehen ist, wirkt eher gemütlich. Der freundliche Beamte im Khaki der indischen Ordnungshüter, der auf dem Balkon von Bhagavans Wohnung Stellung bezogen hat, bringt eine Art Gästebuch, in das sich die Besucher des Professors eintragen müssen. Nach Waffen durchsucht werden wir nicht. Allerdings: Wenn Bhagavan auch nur für einen Augenblick in seiner südindischen Heimatstadt Mysore auf die belebte Straße vor seiner Wohnung tritt, begleitet ihn ein Leibwächter. Wenn er länger von zu Hause weg ist, sind es zwei. Ein Freund und Gesinnungsgenosse des Professors, der auch bedroht worden war, hatte den Polizeischutz nach einer Weile sattgehabt und seine Bewacher weggeschickt. Zwei Wochen später wurde er von bis heute unbekannten Tätern erschossen.

K. S. Bhagavan ist ins Visier militanter Kulturkämpfer geraten. Denn er ist nicht bloß Literaturdozent, sondern auch weltanschaulicher Aktivist, ein radikaler Aufklärungsprediger. In seinen Büchern und Vorträgen attackiert er den Hinduismus scharf: das Kastensystem, die Unterdrückung der Frau, Widersprüche und Unmenschlichkeit in den religiösen Texten, die moralischen Qualitäten der Göttergestalten. Im Februar, erzählt er gut gelaunt, hat er bei einem öffentlichen Auftritt erklärt, er wolle misogyne und sozialdünkelhafte Passagen der Bhagavad Gita verbrennen, eine der berühmtesten und wichtigsten heiligen Schriften. Das erregt den Zorn von Hindus, die sich in ihren religiösen Gefühlen und ihrem kulturellen Stolz provoziert fühlen. Und es kann gefährlich werden. Drei "Rationalisten", wie man sie in Indien nennt, entschiedene Glaubens- und Aberglaubenskritiker, sind seit dem vergangenen Jahr umgebracht worden. Nach dem dritten Mord hat ein Funktionär einer radikalen Hindu-Organisation auf Twitter erklärt, Bhagavan werde der Nächste sein. Der Professor bekam einen Drohbrief und einschüchternde Anrufe. Dass er für seine Kritik angefeindet wird, kennt er seit vielen Jahren, aber die konkrete Gefahr von Gewalt bedeutet eine neue Dimension. "Es ist", sagt er, "das erste Mal in meinem Leben, dass so etwas passiert ist."

Sind in Indien Meinungsfreiheit, Toleranz und Pluralismus in Gefahr? Breitet sich unter Premierminister Narendra Modi aus der hindu-nationalistischen Partei BJP, die seit anderthalb Jahren an der Regierung ist, ein illiberales Klima aus? Es sind nicht allein die Anschläge auf Freidenker, die eine kritische Öffentlichkeit aufgeschreckt haben. Kürzlich wurde in einem nordindischen Dorf ein Mann von einem Mob gelyncht, weil sich das Gerücht verbreitet hatte, er hätte eine Kuh, das religiös verehrte Tier des Hinduismus, geschlachtet. Rechte Politiker, Hindu-Aktivisten und BJP-geführte Bundesstaaten überbieten einander mit Initiativen gegen den Rindfleischhandel und -konsum – eine Agitation, die von indischen Muslimen, denen die Kuh nicht heilig ist, als Ausgrenzungsversuch, als Angriff auf ihren Status als gleichberechtigte Bürger empfunden wird. Dutzende von Schriftstellern haben in den vergangenen Wochen aus Protest gegen eine Stimmung der Intoleranz staatliche Auszeichnungen zurückgegeben.

Die BJP weist jede Verantwortung für militante, aggressive Akte von sich und erinnert daran, dass mehrere Bundesstaaten, in denen Gewalttaten vorgekommen sind, von der Opposition regiert werden. Es ist auch wahr, dass Einschränkungen der Meinungsfreiheit in Indien nichts Neues sind. Dies war das erste Land der Welt, in dem Salman Rushdies Satanische Verse verboten wurden – unter einem Premierminister aus der vermeintlich säkularen, fortschrittlichen Kongresspartei. Wahr ist aber ebenso, dass BJP-Leute bei der Verurteilung von Hindu-Bigotterien und der Verteidigung von Dissidenten notorisch herumeiern, das Problem kleinreden und möglichst viel von der Schuld Liberalen oder religiösen Minderheiten zuschieben. K. S. Bhagavan bemerkt über die Einschüchterungsversuche gegen "Rationalisten" wie ihn und über den Hindu-Extremismus: "Die BJP schweigt dazu, eingeschlossen der Premierminister des Landes; auch er schweigt. Das Schweigen scheint diese Übeltäter ermutigt zu haben."

Während wir reden, holt Bhagavan, der mit seinem glatten Gesicht unter den silbergrauen Haaren für einen Siebzigjährigen erstaunlich jugendlich wirkt, nach und nach seine Bücher, die Zeugnisse seines Lebenswerks. Die Wohnung, in der er mit seiner Frau lebt, ist nicht groß und nicht luxuriös, ein typischer indischer Bildungsbürgerhaushalt aus der Zeit vor dem neuen Wohlstand, den die Wirtschaftsreformen seit den 1990er Jahren der oberen Mittelschicht gebracht haben. Bibliothek und Schlafzimmer sind eins, mit malerisch vollgestopften Bücherregalen über dem einfachen Doppelbett. Bhagavan bringt die Shakespeare-Dramen, die er in seine südindische Muttersprache übersetzt hat, für Schüler und Literaturfreunde, und einen Theaterführer, in dem die Stücke des Dichters nacherzählt sind. Dann holt er das Buch, das ihn bekannt und umstritten gemacht hat: eine Auseinandersetzung mit dem Denker Shankara aus der Zeit um 800 n. Chr. Das Thema könnte nicht weltfremder und abgehobener wirken. Aber irgendein Funke muss darin stecken. Bhagavan zeigt auf die Innenseite des Titelblatts. Dies ist die 18. Auflage.

Shankara gilt als tiefsinniger Metaphysiker, der eine Theorie von der Einheit allen Seins entwickelt hat. Für Bhagavan dagegen ist er der Propagandist einer hierarchischen Welt- und Lebensordnung, der den Angehörigen der unteren Klassen das Recht auf Wissen und Bildung bestritten hat. "Wie kann man ihn einen Humanisten nennen, wie kann man ihn einen großen Philosophen nennen? Er ist ein Hasser der Menschheit." Bhagavan nennt den Hinduismus "spirituell groß, sozial grausam". Seine Hoffnung für Indien wäre dagegen die Lehre des Buddha: egalitär und solidarisch, ohne Kastenwesen, Götterglauben und religiöse Rituale. Es geht ihm nicht bloß um Religionsdoktrinen, Mythen oder die Ansichten eines Klassikers aus dem 8. Jahrhundert, die er für falsch hält. Es geht um ein Gesellschaftsbild, um die Suche nach einer historischen und kulturellen Alternative zu einer Welt der Ungleichheit, um die Frage, ob ein anderes Indien möglich ist.

Für Bhagavans Gegner ist er ein Nestbeschmutzer und Unruhestifter. Der VHP, eine auf Ideologie und Propaganda spezialisierte Hindu-Organisation, hat gegen den Professor Anzeige erstattet, wegen Verletzung religiöser Empfindungen. T.A.P. Shenoy, ein VHP-Funktionär in Bangalore, der nächstgelegenen Metropole, erklärt, dass Kritik am Hinduismus selbstverständlich erlaubt sei. Es gebe eine alte atheistische Geistestradition in Indien, kein Problem damit. Es sei der schmähende, aufhetzende Charakter von Bhagavans Kritik, mit dem Grenzen überschritten würden. Shenoy billigt die Gewaltdrohungen nicht, aber, sagt er: "Normale Leute – werden sie diesen Unsinn hinnehmen?". Er nennt die Aggression, die sich gegen jemanden wie Bhagavan richtet, eine "natürliche Entwicklung in der Gesellschaft".

Wir sind schon auf dem Rückweg nach Delhi, als Professor Bhagavan sich noch einmal per Telefon meldet. Was er noch sagen will: Viele Bürger und Gruppen hätten ihn unterstützt, mit Solidaritätsadressen – das darf nicht vergessen werden; es soll nicht aussehen, als fühlte er sich alleingelassen. Und dann ist da noch etwas. In Artikel 51 A der indischen Verfassung steht eine Liste von fundamentalen Bürgerpflichten. Jeder Inder, heißt es da in einem energischen Appell an den Fortschrittsglauben, solle eine wissenschaftliche Einstellung entwickeln, Humanismus und den Geist von Forschung und Reform. Nichts anderes habe er mit seiner Arbeit gemacht, als einer gesetzlichen, verfassungsmäßigen Pflicht zu genügen.

Nicht er, soll das heißen, nicht der Aufklärer, ist der schlechte Bürger, das unpatriotische Element, der Feind der Nation. Es sind die Dunkelmänner, die ihn zum Schweigen bringen wollen.