Wenn es allein der Aktienkurs von Volkswagen wäre, der unter den Motorenmanipulationen des Autokonzerns gelitten hat. Oder der schöne Slogan "Vorsprung durch Technik" der VW-Tochter Audi und sein amerikanisches Pendant: "Truth in Engineering". Aber der Schock über Dieselgate und die fehlende Ehrlichkeit der Ingenieure sitzt tiefer. Nur wer im Ausland lebt, kann wirklich ermessen, welche Erschütterung der Skandal bei Investoren aus aller Welt ausgelöst hat.

Vor dem Beben haben die großen Investoren die Aktien deutscher Industrieunternehmen gern gekauft, weil die Konzerne für Erfolg standen, für ehrliche Qualitätsarbeit, für Präzision, für Gewissenhaftigkeit. Ganz anders als der Dienstleistungssektor mit seiner maroden Finanzbranche, all dem Lug und Betrug und der Skrupellosigkeit der gewissenlosen Banker, die eine weltweite Finanzkrise vom Zaun gebrochen hatten. Das ehrliche Modell deutscher Wertarbeit wurde gepriesen, vor allem in Deutschland. Es gab viele Moralapostel, die mahnend den Finger gen Wall Street und in Richtung der Londoner City erhoben haben, oft auch mit einem Funken Selbstgerechtigkeit.

Nach dem Beben ist nun klar: In der Industrie wird genauso gepfuscht wie im Finanzsektor, und Deutschland hat die Moral keinesfalls gepachtet. Statt "Made in Germany" macht nun der Slogan "Faked in Germany" die Runde. Es zeigt sich, dass vieles, was bei den Banken schiefgelaufen ist, in der Industrie genauso schieflaufen kann.

Das fängt an beim Geschäftsmodell. VW hat versucht, auf einem Markt zu bestehen, auf dem der Konzern mit seiner Dieseltechnik und seinen Preisen nicht mehr konkurrieren konnte, ohne die Umweltstandards zu brechen. Damit hat es ähnlich gehandelt wie die Banken, die ein zu großes Rad gedreht, bewusst Risiken in Kauf genommen haben und nicht gewillt waren, für diese Risiken ein Sicherheitspolster von Kapital anzulegen. VW unterscheidet sich auch kaum von dem Ölkonzern BP, der mit seiner Tiefseebohrung im Golf von Mexiko einem Geschäft nachging, in dessen Sicherheit und Technik er nicht ausreichend investiert hatte – bis im Jahr 2010 die Katastrophe eintrat. Man könnte auch den britischen Handelsriesen Tesco anführen, der gegen Konkurrenten und Billiganbieter wie Lidl und Aldi antreten wollte, es nicht schaffte und dann das Zahlenwerk seiner Bilanz schönte.

Wenn das Geschäftsmodell nicht stimmt und der Vorstand nicht einlenkt, dann kommt es auf den Aufsichtsrat an. Im Sinne guter Corporate Governance müssen unabhängige, fachkundige Kontrolleure im Zweifel die Reißleine ziehen. Der Großinvestor Hermes hat Anfang dieses Jahres seine Aktien an Volkswagen verkauft, weil ihm genau diese "gute Unternehmensführung" bei VW gefehlt hat. Andere Portfoliomanager haben schon lange einen Bogen um VW gemacht. Hermes kritisiert deutsche Aufsichtsräte seit Jahren.

Bei VW ist der Filz extrem und die Besetzung des Aufsichtsrates fast ausschließlich durch Konzernmanager, Betriebsräte, Gewerkschaftler und Landespolitiker ungewöhnlich einseitig und unkritisch. Aber auch in vielen anderen deutschen Unternehmen ist es immer noch Mode, dass ehemalige Vorstände elegant in den Aufsichtsrat rutschen, sich dort die Industriegrößen und Banker die Hand geben, während ausländische, kritische Investorengruppen einen zu geringen Einfluss haben. Die deutsche Wirtschaft mag sich inzwischen mehr an ihre selbst auferlegte Corporate Governance halten, aber von internationalen Standards sind viele Konzerne noch weit entfernt. Die Finanzkrise hat außerdem gezeigt, wie wichtig Compliance ist – also die Einhaltung von Vorschriften und selbst gesetzten Regeln. Dafür braucht es ein vom Vorstand unabhängiges Gremium, das Unternehmen kontrolliert und seine Beobachtungen mit unabhängigen Aufsichtsräten bespricht.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Aber selbst wenn die unternehmenseigenen Kontrolleure über das Geschäftsmodell wachen, ist es damit nicht getan. Die Finanzkrise hat auch gezeigt, dass unabhängige Aufsichtsbehörden wichtig sind, die Geschäftsrisiken in den Branchen erkennen. Für die Bankenwelt wurden globale Sicherheitsstandards definiert. Ob und wie die Banken diese Standards einhalten, das kontrollieren Aufsichtsbehörden und Notenbanken inzwischen sehr genau und ständig. Sie haben dafür Personal eingestellt und ihre Strukturen angepasst, um Unabhängigkeit zu garantieren.

Daraus lässt sich folgern: Die Automobilbranche müsste genauso kontrolliert werden, genauso hart, genauso unabhängig, genauso unerbittlich – mit all den damit zusammenhängenden Kosten für die Branche. Verstöße gefährden hier zwar nicht die Ersparnisse, aber die Gesundheit der Menschen. Erst wenn die Kontrollen sitzen, darf man ein gutes Gewissen haben und von Moral sprechen – vorher nicht.

Daran ändert sich auch nichts, wenn die Aktien von VW nun wieder aufwerten. Das ist normal nach der anfänglichen Panikreaktion an der Börse. Es wird allerdings Jahre dauern, bis sich die amerikanischen Aufsichtsbehörden und das US-Justizministerium mit VW auf die Höhe der Strafe einigen werden. Erst dann wird klar sein, wie der Konzern die Belastung verkraften wird, wie die Rating-Agenturen reagieren werden und wie der Aktienkurs letztlich bewertet werden muss.

Aber der Wandel muss sofort beginnen. Volkswagen muss umdenken. Auch andere Industrieunternehmen müssen ihre Strukturen und Kontrollen anpassen, selbst wenn sie bisher nicht von Skandalen betroffen sind. Nur dann wird das Vertrauen der Investoren in "Made in Germany" zurückkehren.