In Australien gibt es eine große Spinne, die sich nicht nur bei Regen gerne in Briefkästen aufhält. Schon mancher hat, eilig nach der Post greifend (in der anderen Hand den Schirm), unter seiner Fingerkuppe nicht die mürbe Struktur von feuchtem Papier gehabt, sondern das harte, spitze, hektisch bewegte Bein der Riesenkrabbenspinne.

Unschön. Noch unschöner ist allerdings das Erlebnis einer Sydney-Trichternetzspinne, die unter der Toilettenbrille kauert. Ihr Gift ist lebensgefährlich. Spürt der rosige Hintern, an dem sich die Spinne hinauftastet, schon die Liebkosung des Todes? Wahrscheinlicher dürfte bereits der Schreck an den Rand eines Herzinfarktes führen oder darüber hinaus, denn der Mensch hat es nun einmal nicht gern, wenn Tiere dort auftauchen, wo er sich mit seinen Gerätschaften alleine dünkt. Dem Tropentouristen stockt auch der Atem, wenn er im nächtlichen Hotelbadezimmer bei plötzlich eingeschaltetem Licht das Waschbecken voller Krabbeltiere beträchtlicher Größe sieht. Und selbst im lieblichen Mainz, in unseren gemäßigt warmen Breiten, war meine Schwester wenig erbaut, als sie bei der Suche nach einem Kurzschluss in ihrem Radio auf ein Nest von Kakerlaken stieß. Sie nahm es zum Anlass, dem verhassten Vermieter den Kammerjäger ins Haus zu schicken. Tatsächlich stellte der amtlich beglaubigte Fachmann das ganze verwahrloste Gebäude auf den Kopf. Ungeziefer ist keine Kleinigkeit, so viel steht fest.

Aber wann gilt Ungeziefer als Ungeziefer – und wo darf es sich aufhalten, ohne als solches zu gelten? Für Hunde (und wahrscheinlich viele andere Tiere auch) ist das Kriterium die Vorhersehbarkeit. Eine Spinne im Briefkasten ebenso wie eine Maus im Keller ist absolut vorhersehbar; ehe die Unholde sich regen, hat der Hund sie schon gehört, gerochen oder jedenfalls geahnt. Das Gleiche gilt für Menschen, die plötzlich aus einem Auto aussteigen, denn Plötzlichkeit ist in diesem Fall nur ein Wahrnehmungseffekt auf andere Menschen, während der Hund schon die raschelnde Vorbereitung zum Ausstieg vernommen hat. Etwas anderes, höchst Verdächtiges sind für ihn Menschen, die im parkenden Auto sitzen bleiben. Über ihre Absichten lässt sich nichts vorhersagen. Menschen in parkenden Autos sind für Hunde das, was für die Menschen Spinnen im Briefkasten sind: Ungeziefer. Am besten bellt man sie heraus, damit das Unheimliche wenigstens ein Gesicht bekommt.

Liegt der Hund so falsch damit? In Zeiten feiger Brandanschläge und betrügerischer Inkassofirmen, die auf Schuldner lauern, wahrscheinlich nicht. Übrigens scheint Vorhersagbarkeit in gewissem Rahmen auch für Hausfrauen und Mütter ein Kriterium zu sein, jedenfalls was Kopfläuse angeht. Als meine Schwester und ich Kinder waren, galt Kopflausbefall als Ungeziefergroßangriff und sicheres Indiz für den Aufenthalt in asozialen Zusammenhängen. Heute, da Kindergärten und Vorschulen auch in besseren Gegenden alle paar Monate Befall melden, regen sich selbst Helikoptermütter nicht auf, die sonst über das schulische Ergehen ihrer Kinder in steter Sorge sind. Offenbar kalkulieren sie realistisch, dass in einem späteren Lebenslauf Parasitenerfahrung keine Rolle spielen wird, im Gegensatz zur Auslands-, Hockey- oder Tenniserfahrung. Waschen hat dazu den Nachteil, wenig zu kosten, also auch wenig Prestige zu versprechen. Die richtige Adresse ist wichtiger als die richtige Hygiene, denn im Letzten gilt unter Menschen immer: Ungeziefer, das sind die anderen.

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