Ausreiser. So heißen nach neuestem Sprachgebrauch die jungen Männer, die in Europa ihre Taschen packen, um in den Mittleren Osten zu ziehen. Sie sehnen sich nach genau den Orten, aus denen derzeit Hunderttausende flüchten: den von den Terrortrupps des IS ("Islamischer Staat") beherrschten Gebieten in Syrien und im Irak.

Doch es gibt nicht nur Ausreiser, sondern auch Ausreiserinnen. Rund zwanzig Prozent derer, die sich von Deutschland aus zum IS aufmachen, sind Mädchen und junge Frauen. Wer, wie ich, versucht, junge Menschen zu entradikalisieren, dem begegnen beide Fälle. Vor wenigen Wochen etwa kam ein typischer Hilferuf von Nassim R. in Berlin.

"Ich habe Probleme mit meinen Töchtern, große Probleme!", bekannte der verzweifelte Vater auf Arabisch. "Ich brauche Rat – was kann ich tun?" Kurz vor ihrem Schulabschluss waren Djamila und Sara*, 16 und 17 Jahre alt, über Nacht verschwunden. Ein Zettel sollte die Eltern beruhigen: "Macht Euch keine Sorgen, wir gehen fort, um Allah zu dienen!" Tage später erhielt ihr Bruder eine Nachricht über WhatsApp: "Uns geht es gut! Wir sind endlich angekommen, es ist super. Hier in ar-Raqqa gibt es nur Muslime, nur fromme Leute, Alhamdulillah!"

Den Eltern war die Erschütterung anzumerken. Sind unsere Töchter wirklich in Rakka? In wessen Händen? Und wie hat es dazu kommen können? Schon seit Monaten hatte die Familie bemerkt, dass die Mädchen begannen, sich schwarz zu kleiden und sich immer mehr zu verhüllen. Sie wollten nicht nur die Haare, sondern sogar ihre Gesichter verschleiern. Der Vater hatte – was fast nie etwas bewirkt – autoritär reagiert und versucht, Kontakte zu einer gefährdenden Moschee sowie zu religiös radikalisierten Freundinnen zu verbieten. "Da geht ihr nicht mehr hin! Ihr seid meine Töchter, ihr müsst gehorchen!"

Vergebens. "Fluchthelfer" hatten die beiden Teenagerinnen außer Landes geschmuggelt, vielleicht über einen simplen Touristenflug in die Türkei. Fassungslos greift sich der Vater an den Kopf: "Meine Mädchen waren kaum in der Lage, den Weg vom Wedding nach Spandau zu finden – und jetzt sind sie auf einmal in Syrien!"

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Frauen können viele Gründe haben, sich dem IS anzuschließen. Zunächst kommen sie mit Propaganda in Berührung. Mädchen wie Djamila R. und Sara R. hören, der IS sei ein Paradies für Muslime. Alle dort seien gleich, man könne den Islam ohne die schiefen Blicke der Deutschen leben, ohne beleidigende Bemerkungen, ohne sich für Kopftuch, Hidschab oder Nikab rechtfertigen zu müssen. Verlockend ist zudem die Aussicht auf Heirat mit einem reinen, muslimischen Helden, einem Krieger, der die Unseren mit der Waffe in der Hand verteidigt. Einem islamischen Popidol eben, wie man es auf Videos sieht. Das Dasein einer Prinzessin an seiner Seite, ein Traum! Und heiraten – zu Hause dauert es oft Jahre, bis eine Frau endlich vermählt ist. Im IS geht das rasch, ruckzuck, über Nacht.

Am überraschendsten aber ist: Der IS bietet ein Versprechen weiblicher Emanzipation. Das erscheint nur auf den ersten Blick paradox. In traditionellen, patriarchalischen Familien wie der von Djamila und Sara müssen Töchter sich den Vätern und Brüdern unterordnen. Nach der Dämmerung aus dem Haus gehen? "Das darfst du nicht, du bist ein Mädchen!" Die Fundamentalisten locken mit einer neuen Form der Gleichberechtigung: "Sicher", sagen sie, "du als Mädchen darfst nicht am Schwimmunterricht teilnehmen. Aber dein Bruder darf es auch nicht!" Und sie erklären: "Gewiss, du darfst keinen Sex vor der Ehe haben. Aber das gilt auch für deine Brüder." Und sie sagen: "Du musst dich weder Vater noch Bruder unterordnen, sondern einzig allein Allah!"

Der eigene, leibliche Vater wirkt oft ohnehin schwach, so wie Nassim R., der Deutsch mit Akzent und schlechter als seine hier geborenen Kinder spricht, der eine eher hilflose Figur abgibt, eine, deren Autorität im Vergleich zu den selbstherrlich auftretenden salafistischen Predigern alt aussieht. Auch die Autorität der "verwestlichten" Mutter bröckelt mit dem Ziel, sich dem IS anzuschließen: "Als pure, reine Frau kann ich eine bessere Muslimin sein als meine Mutter!"

Von Ahmad Mansour ist soeben im S.Fischer-Verlag erschienen: "Generation Allah. Warum wir im Kampf gegen religiösen Extremismus umdenken müssen." © S. Fischer

In den Kampfgebieten weisen Salafisten den Frauen Aufgaben zu, bei denen sie sich aufgewertet fühlen. "Ihr Frauen erzieht die künftigen Kämpfer, ihr stärkt die Männer bei der Missionierung!" lautet die Parole. Im IS gibt es Frauenbrigaden, es gibt Einrichtungen, an denen nur Frauen tätig sind. Und waren Frauen nach traditionellen Vorstellungen durch Sex vor der Ehe für immer "unehrenhaft befleckt", wirkt ihr Übertritt zum Salafismus wie eine religiöse Stunde null. Trägt die Frau fortan den Vollschleier und unterwirft sich, so ist alles vergeben und vergessen.

Was für ein Erlösungsversprechen in einem Milieu, das gesättigt ist von Ängsten und Tabus beim Thema Sexualität und wo das alles um "Schmutz" kreist, den es zu meiden gilt. Die Unterdrückung von Sexualität ist einer der Schlüssel dafür, warum sich Menschen radikalisieren. Gesunder, akzeptierender Umgang mit Sexualität ist wichtig, um physisch und psychisch eine gefestigte Identität entwickeln zu können, Selbstwertgefühl, Liebe zu sich und anderen. Das Gegenteil produziert Leid, Wut, Ängste, Zerrissenheit, Depressionen und Gewalt. Auch auf diese Psychodynamik können Salafisten zählen, wenn sie ihre Schafe sammeln. Sie bieten als Ausweg aus der "Unreinheit" die rückwirkende Reinigung – um den Preis jeglicher Freiheit.

*Alle persönlichen Daten wurden verfremdet.

Der Psychologe Ahmad Mansour ist arabischer Israeli und lebt in Berlin.