In dem niederländischen Dorf Rhoon ereignet sich am 11. Oktober 1944 ein entsetzliches Kriegsverbrechen. Bei den Tätern handelt es sich um Angehörige der Deutschen Wehrmacht, bei den Opfern um sieben willkürlich zusammengetriebene männliche Einwohner. Ohne den geringsten juristischen Vorlauf werden die Männer von einem deutschen Erschießungskommando exekutiert, ihre Häuser und Anwesen noch am gleichen Tag niedergebrannt, ihre Frauen und Kinder aus dem Dorf vertrieben. Als Anlass für das Vergeltungsmassaker dient der Tod eines deutschen Soldaten am Abend zuvor, am 10. Oktober 1944.

Er hieß Ernst Lange. Er war, wie fast jeden Abend, zum Haus einer Einheimischen unterwegs, die eine Art Party- und Rendezvousbetrieb für Besatzer und liebesbereite Besetzte unterhielt. Zwei junge Frauen und zwei weitere Soldaten begleiten ihn. Sie kommen an einer Flachsfabrik vorbei, übersehen in der Dämmerung, dass vom Elektromast der Fabrik ein offenes Starkstromkabel herunterhängt. Ernst Lange stößt dagegen, 500-Volt-Schläge reißen seinen Körper an das Kabel. Ein paar Stunden später stirbt er. Lange war, als dies passierte, achtzehn Jahre alt.

In fast jedem anderen Buch würde es so stehen: achtzehn Jahre alt. Dem niederländischen Schriftsteller Jan Brokken, der über dieses Kriegsverbrechen den Dokumentarroman Vergeltung verfasste, ist dies zu undeutlich. Bei ihm heißt es: "Achtzehn Jahre und zweieinhalb Monate." Fast eine ganze Seite widmet er der Frage, wie alt dieser Ernst Lange auf den Tag genau denn nun war. Der Bericht des Politischen Fahndungsdienstes, der nach 1945 den Fall aufzuklären suchte und rasch zu den Akten legte, nennt ein anderes Geburtsdatum als der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Ein paar Monate, mehr macht die Differenz nicht aus – und man könnte meinen, dass dieses Minimalfaktum, gemessen am Grauen der Ereignisse, nichts zur Sache tue. Im erzählerischen Sinn tut es das auch nicht. Im Sinn der kriminologischen Recherche allerdings, deren Ermittlungsprinzip Jan Brokken anwendet, um das Rätsel des offenen Stromkabels zu lösen, ist kein Detail, kein Indiz zu gering, keine kulinarische Vorliebe des Oberstleutnants Schmitz, der den Exekutionsbefehl gab, kein Hundegebell aus der Ferne zu unbedeutend, um nicht mit der Lupe betrachtet zu werden.

Hatte ein Sturm das Kabel abgerissen? So lautet die Erklärung des Politischen Fahndungsdienstes. Brokken fand heraus: Es gab in den Herbstwochen 1944 keinen Sturm über der Rhooner Polderlandschaft. Also Sabotage? Diese tatsächlich naheliegende Vermutung nutzte Oberstleutnant Schmitz, um im Handumdrehen sieben Männer erschießen zu lassen. Brokken erhärtet die Sabotagethese. Wenn sie zutrifft: Handelte es sich um den kollektiv geplanten Anschlag einer Widerstandsgruppe? Oder um einen Alleingang? Waren überhaupt politische Motive im Spiel? Persönliche hätte es in Fülle gegeben. Nicht wenige männliche Dorfbewohner beobachteten mit ohnmächtigem Hass, wie sich ihre Töchter, zukünftigen Verlobten oder sogar Ehefrauen für Schokolade, Kaffee und ein wenig Amüsement mit der Wehrmacht ins Bett legten. Auch Ernst Lange hellte sich das düstere Soldatendasein mit einer vierzehnjährigen Kriegsgeliebten auf.

Um die Auflösung des Falls vorwegzunehmen: Jan Brokken kreist drei Einzelsaboteure ein, ohne sich auf einen festzulegen. Die eigentliche Aufklärungsarbeit, die Vergeltung leistet, liegt ohnehin in einer anderen Dimension: in der unüberbietbar minutiösen Darstellung der lokalen Kriegsszenerie. Man glaubt bei der Lektüre dieses Buches, dem Geschehen des Zweiten Weltkriegs noch nie auf so konkrete Weise so nahegekommen zu sein. Jede einfache Wahrheit Nachgeborener zerfällt vor der Ausführlichkeit von Brokkens biografischen Fallstudien. Jede Frau, die sich mit Deutschen einließ, wird mit ihren je eigenen Beweggründen kenntlich, jeder der zahlreichen Kollaborateure zum charakterlich und ideologisch nuancierten Individuum. Auch kein deutscher Soldat gleicht hier dem anderen. Es gab das Schwein Schmitz, für den sich das Adrenalinversprechen des Krieges persönlich erst im Allmachtswahn einer an Zivilisten begangenen Barbarei erfüllte. Es gab den Soldat, der den Exekutionsplatz mit einem Weinkrampf verließ. Und den, der so tat, als wüsste er nicht, dass sich im Heuschober des Rhooner Bauern, mit dem er allmorgendlich über das Agrarhandwerk fachsimpelte, Juden versteckten. Rund zweihundert Untergetauchte lebten im Herbst 1944 in Rhoon.

Der Krieg bedient sich nicht nur einer Frontlinie. Er zersprengt Gesellschaften, die der Täter wie die der Opfer, in ein Frontengewirr, das sich durch Dörfer, Familien und durch den Einzelnen zieht. Was Rhoon betrifft, sind diese Fronten bis heute spürbar. Bis heute leidet das Dorf an Legendenbildungen, Schuldzuweisungen, Feindschaften und Gerüchten, wessen Vater oder Großvater im Herbst 1944 das Stromkabel kappte.

Der Leser findet Rhoon auf der Landkarte. Und erkennt in Rhoon zugleich einen exemplarischen Ort in Zeiten des Krieges. Die Voraussetzung für dieses Universalbild aber ist das minimalistisch dokumentierte, hyperrealistische Puzzlebild. In Zusammenarbeit mit dem Dokumentaristen Bert G. Euser hat Jan Brokken mit nicht weniger als 150 Zeitzeugen gesprochen, sich durch 5000 Seiten Akten gelesen. Wir erfahren, wie es im Leben jener Frauen weiterging, die unmittelbar nach der Befreiung am 8. Mai 1945 der Kollaboration bezichtigt, öffentlich kahl geschoren und von Mitbürgern grausam zugerichtet wurden. Auch dieses Schauspiel ist mit dem Titel Vergeltung gemeint.

Jan Brokken, der sich vor allem durch Reiseliteratur einen Namen machte, wuchs selbst in Rhoon auf. Er ist der Sohn eines Pfarrers, der erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs aus Indonesien in die Niederlande zurückkehrte. Brokken wurde 1949 geboren. Er kann sich aus eigener Kindheit an jenen undurchdringlichen Nebel des Schweigens erinnern, der auf dem Dorf lastete. Er hat, was zur Dichte seines Buches, das sich ohnehin spannend wie ein Thriller liest, erheblich beiträgt, jede Kirchenspitze, jeden Pflasterstein, jede Wegbiegung glasklar vor Augen – nichts davon wird in Vergeltung jedoch fotografisch abgebildet.

Dieser sicherlich bewusste Verzicht auf eine Bildstrecke fordert unwillkürlich die Grundsatzfrage nach den Konzepten kollektiver Geschichtserinnerung heraus; ihrem je unterschiedlichen moralischen Wert und ihrer Wirksamkeit. Dies war nicht zuletzt eine Kernfrage der Debatten, die sich um die bildintensive Wehrmachtsausstellung von 1995 und ihrer revidierten, den textlichen Kommentar bevorzugenden Nachfolgerin von 2001 entspannen: Was leistet der Schock, der von Fotografien ausgeht, die Kriegsverbrechen und ihre Opfer zeigen? Was wiederum die sprachlich gemächliche, kontextuelle Nacherzählung? In seiner 2014 erschienenen Studie Der Schatten des Fotografen griff der Kulturwissenschaftler Helmut Lethen diese Wirkungskonkurrenz von Bild und Text auf. Sie lassen sich, schreibt er, nicht gegeneinander ausspielen. Das historische Gedächtnis profitiert von der emotionalen Unmittelbarkeit des visuellen Eindrucks. Und es benötigt Wissen, wie es nur die Sprache übermitteln kann.

Nur: Die spezielle Wirkung des Bildes kann sich beim wiederholten Betrachten auf beklemmende Weise verbrauchen. Man sieht es und denkt: Kenn ich. An die Wand gestellte Zivilisten: Ein Dutzend Mal gesehen. Hier erreicht Vergeltung ein ganz anderes Erkenntnisgewicht.