An der Wand hängen Bilder von Winnie Puh und Micky Maus, auf dem Boden liegt ein Basketball, im Regal stehen, ordentlich sortiert, die Schulhefte. Es ist ein schmaler Raum mit dunklen Holzmöbeln: zwei Stockbetten, ein Schrank.

Es ist das Zimmer eines Attentäters.

Hassan Manasra, 15 Jahre alt, hat in diesem Kinderzimmer in Ostjerusalem gelebt – bis vor knapp zwei Wochen. Am 12. Oktober streifte Hassan gemeinsam mit seinem 13-jährigen Cousin Ahmed durch den mehrheitlich jüdischen Stadtteil Pisgat Ze’ev. Zwei Messer trugen die Jungen bei sich. Vor einem Süßigkeitenladen stachen sie damit auf einen 13-jährigen jüdischen Jungen ein, verletzten einen erwachsenen Passanten. Als Hassan Manasra sich auf die herbeieilenden Polizisten stürzen wollte, wurde er erschossen. So zeigen es Überwachungsbilder, die die israelische Polizei veröffentlicht hat. Hassans Cousin wurde von einem Auto erfasst und verletzt.

Seit Wochen erschüttern Angriffe die israelische Gesellschaft: In Jerusalem, aber auch in Vororten von Tel Aviv oder im Westjordanland gehen Palästinenser mit Messern auf Israelis los. Seit Mitte September starben acht Israelis bei solchen Anschlägen, Dutzende wurden verletzt. Die meisten palästinensischen Attentäter wurden von Polizisten oder Soldaten getötet. Insgesamt starben – auch bei Protesten – etwa 30 Palästinenser.

Die israelischen Sicherheitsbehörden gehen von Einzeltätern aus, die unkoordiniert zuschlagen, sie sprechen vom Profil des "einsamen Wolfs". Trotzdem fällt eins sofort auf: Die meisten Angriffe wurden, wie der von Hassan und seinem Cousin, von Teenagern ausgeführt. In Jerusalem zum Beispiel versuchte eine 16-jährige Palästinenserin, einen israelischen Polizisten zu erstechen. Ebenfalls in Jerusalem tötete ein 19-jähriger Palästinenser zwei Juden. In einem Alter, in dem andere die erste Liebe erleben oder noch heimlich Zigaretten rauchen, beschlossen diese Jugendlichen, zu Rächern zu werden. Das Alter der Attentäter ist so auffällig niedrig, dass israelische Medien von einer "Kinder-Intifada" sprechen.

Bei Twitter wird die Messer-Intifada bejubelt

Für ihre Eltern sind die Täter vor allem das: Kinder. Knapp eine Woche nach der Messer-Attacke steht Maisa Manasra, die Mutter von Hassan, in seinem Zimmer mit den Micky-Maus-Postern. Er sei ein sanfter Junge gewesen, so schüchtern, dass er seine Cousins vorschickte, wenn er mit einem Mädchen sprechen wollte. In seiner Freizeit habe er Computer gespielt, sein Lieblingsfach in der Schule sei Mathe gewesen.

An jenem Montag, als Hassan starb, stand Maisa Manasra in der Küche und rollte Weinblätter. Hassan habe sein Zimmer aufgeräumt, vor der Tür mit seinem Bruder gespielt. Dass Hassan sich irgendwann davonschlich, habe sie nicht bemerkt. Erst als die ersten Videobilder des Vorfalls auftauchten, Verwandte und Freunde anriefen, erfuhr sie, dass Hassan tot ist.

Was bringt einen 15-Jährigen dazu, mit einem Messer auf ein anders Kind einzustechen? Maisa Manasra schiebt diese Frage weg, wie sie ihre Tränen wegschluckt. "Ich weigere mich, zu glauben, dass er etwas Böses getan hat", sagt sie.

Gläubig sei er gewesen, sagt die Mutter. "Wir haben ihm das früh beigebracht."

Oft betete Hassan auf dem Tempelberg, jenem Ort, der im Zentrum der jüngsten Eskalation steht. Das Plateau in der Jerusalemer Altstadt ist Juden und Muslimen heilig, doch offiziell dürfen nur Letztere dort beten. Extremistische jüdische Gruppen hindert das nicht daran, die Zerstörung des Felsendoms zu fordern und mit ihren Besuchen die Palästinenser bewusst zu provozieren. In regelmäßigen Abständen rufen palästinensische Politiker dazu auf, den Ort zu verteidigen, auch wenn dafür Blut fließen müsse.