DIE ZEIT: Sie sind als Politologe auf den Nahen und Mittleren Osten spezialisiert. Warum beschäftigen Sie sich nun mit dschihadistischer Radikalisierung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen?

Thomas Schmidinger: Das Thema lag auf der Hand, weil ich mich seit Jahren besonders mit den Kurden beschäftige, die im Irak und Syrien mit dem Problem massiv konfrontiert sind. Andererseits forsche ich zu Migrationsfragen und zu den muslimischen Diasporen in Europa. Ich habe dazu öfter etwas in Medien geschrieben oder gesagt. Vor vier Jahren begann es, dass mich Eltern von Jugendlichen kontaktierten, die in diese Richtung tendierten. In Österreich fanden sie keine Hilfe. Mich kannten sie aus den Medien. Wir haben dann die Fälle ihrer Kinder besprochen.

ZEIT: Was können Sie, was ein Pädagoge oder Sozialarbeiter nicht kann?

Schmidinger: Ich kann einschätzen, wie schlimm die Radikalisierung ist. Wir haben versucht, anhand von Aussagen oder Postings auf Facebook abzuschätzen, ob der Jugendliche nur religiös und konservativ geworden ist oder in Richtung Dschihadismus tendiert.

ZEIT: Was raten Sie dann?

Schmidinger: Was ich mittlerweile allen Eltern empfehle, unabhängig vom konkreten Fall, ist, dass sie eine Doppelbotschaft aussenden sollen. Erstens muss man den Kindern beweisen, dass sie geliebt werden. Man muss sie symbolisch umarmen und ihnen sagen, dass ihr Platz hier ist und man möchte, dass sie in der österreichischen Gesellschaft einen Platz finden. Zugleich muss man ihnen klarmachen, dass diese Gesellschaft, der sie den Krieg erklären, kein Abstraktum ist, sondern jene Menschen sind, die sie lieben.

ZEIT: Und das genügt?

Schmidinger: Es genügt, dass allzu klare Gewissheiten, die von dschihadistischen Gruppen verbreitet werden, zumindest infrage gestellt werden. Damit gewinnt man erst mal Zeit.

ZEIT: Wozu?

Schmidinger: Wir gehen davon aus, dass man nur dann töten und sterben geht, wenn man keine Fragezeichen mehr im Kopf hat und sich ganz sicher ist, dass es das Richtige ist. Uns genügt es fürs Erste, einige Zweifel zu säen, um mit der Person arbeiten zu können. Wenn man bei einem jungen Menschen, der den spontanen Impuls hat, nach Syrien zu gehen, zwei oder drei Wochen gewinnt, dann kann anschließend alles ganz anders aussehen.

ZEIT: Sie haben viele Radikalisierungsbiografien in Österreich kennengelernt. Gibt es verbindende Elemente?

Schmidinger: Wenige, die Biografien sind sehr unterschiedlich. Seit wir den Verein Netzwerk sozialer Zusammenhalt vor eineinhalb Jahren gegründet haben, lernten wir mehr als 70 Lebensläufe kennen. Daraus ergibt sich kein Schema, aus dem man herauslesen könnte, wie jemand zum Dschihadisten wird. Auch die familiären Hintergründe sind unterschiedlich. Unter den Eltern waren Wiener und Vorarlberger ohne jeden Migrationshintergrund, die sich deshalb auch schwergetan haben, einzuschätzen, was mit ihren Kindern passiert. Sie hatten keine Ahnung vom Islam. Das Einzige, was alle gemeinsam haben ist, dass es Jugendliche sind, die, wie alle Jungen, ihren Platz in der Gesellschaft suchen und dabei schwere Entfremdungserfahrungen gemacht haben. In den falschen Gruppen bekamen sie dann, wonach sie suchten: Identität, Zugehörigkeit, menschliche Wärme.

ZEIT: Und Spiritualität?

Schmidinger: Nein, die suchen nicht nach Religion. Sie sind religiös meist nur oberflächlich gebildet. Religion spielt dann aber eine Rolle zur Abgrenzung gegenüber den Nichtmuslimen, den Ungläubigen.

ZEIT: Ist Provokation ein Antrieb?

Schmidinger: Definitiv. Der Unterschied zu anderen jugendkulturellen Provokationen der Vergangenheit ist aber, dass die Rückkehr schwer ist. Wer vor 20 Jahren Punk wurde, hat sich die Haare violett gefärbt und ist ein Jahr auf der Mariahilfer Straße herumgesandelt. Dann konnte man aber wieder etwas anderes sein. Das ist der Unterschied zum IS oder anderen Gruppen. Die Leute reisen rasch aus und sind dann schnell in Verbrechen verstrickt.