Am Montagabend hat sich Kanada gegen die Angst entschieden. Völlig überraschend haben die Kanadier nach zehn Jahren ihre konservative Regierung abgewählt und den jungen Liberalen Justin Trudeau zum neuen Premierminister gemacht. In einer Zeit, in der die Welt sich im Angesicht des Fremden immer stärker auf das zu besinnen scheint, was sie von den Fremden unterscheidet, ist diese Wahl wahrlich ein Wunder.

Im Nachbarland USA überbieten sich die Wahlkämpfer mit Forderungen, illegale Mexikaner zu deportieren oder eine Mauer zu bauen, die das Land vor den Mexikanern schützt. Die Kanadier wählten dagegen einen Premier, der im Wahlkampf sagte, wir müssen unsere Grenzen weiter öffnen. Die gängige Regel in der Politik, die Ängste der Bevölkerung "ernst zu nehmen", scheint Trudeau ignoriert zu haben. Das Vorhaben der kanadischen Konservativen, den Schleier bei der Vereidigungszeremonie zur Einbürgerung zu verbieten, kritisierte er heftig.

Es ist nicht so, dass Kanada keine Gründe hätte, Angst zu haben. Fast haargenau vor einem Jahr verübte ein Muslim, dessen Eltern aus Libyen eingewandert waren, einen tödlichen Anschlag auf einen Soldaten in Ottawa. Das Land war schockiert. Zudem spürt Kanada, dessen Reichtum fast ausschließlich auf seinem Ölvorkommen beruht, die Auswirkungen des dramatisch gesunkenen Ölpreises sehr deutlich. Terror und wirtschaftlicher Abschwung, diese Mischung kann ein friedliches, an Reichtum gewöhntes Land schon verunsichern. Und es kann, wie in den USA jeden Tag zu besichtigen ist, den Rückzug nach innen bewirken: Mitgefühl wird plötzlich zur Schwäche, Offenheit zur Gefahr.

In Kanada ist es anders gelaufen. Und das hat auch ein bisschen mit Trudeaus Familie zu tun. Trudeau ist der Sohn des Mannes, der Kanada einige seiner vielleicht wichtigsten Werte gegeben hat. Vater Pierre Trudeau hat als Premierminister die Zweisprachigkeit in Kanada eingeführt und den Multikulturalismus tief im nationalen Gewissen verankert. Er hat den Kanadiern den Stolz auf die Offenheit beigebracht und gleichzeitig klare Regeln für diese Offenheit eingeführt. Der Sohn ist nun, in diesen Zeiten des Wandels, die Erinnerung an das, was Kanada im Kern ausmacht. Es ist offensichtlich ein stolzer Kern, der das Land zusammenhält. Und so haben die Kanadier die Frage "Wer bin ich?" bei der Wahl am Montag mit "viele" beantwortet.

Justin Trudeau will mit seiner Frau und den drei kleinen Kindern das Erbe seines Vaters antreten. Es ist eine Art Kennedy-Moment für Kanada.

Trudeau, der als Snowboard- und Bungee-Jumping-Instructor gearbeitet hat, als Lehrer, Schauspieler und Wohltätigkeitsboxer, hat das Land mit seiner Jugendlichkeit (er wird Weihnachten 44 Jahre alt), seinem guten Aussehen und seiner positiven Haltung verzaubert. Die Angst, die die Konservativen in Kanada vermuteten und für die sie nach dem Attentat eine Reihe Antiterrorgesetze erlassen hatten, stellte sich als Fiktion heraus.

Zumindest war eine andere Angst noch viel größer: die Angst vor einem Kanada, das so werden könnte wie die USA. Trudeau hatte schon im Wahlkampf angekündigt, die Antiterrorgesetze der Konservativen rückgängig zu machen. Und er hat das Erbe seines Vaters aufgegriffen: Er hat versprochen, die Familienzusammenführung von Einwanderern zu erleichtern und 25.000 Syrer zusätzlich aufzunehmen. Ein Signal an den Rest der Welt, dass die Flüchtlingskrise zusammen zu bewältigen ist.

Trudeau will Kanada in der Mitte stärken, damit es an den Rändern offen bleiben kann. Er hat angekündigt, drei Jahre lang mehr auszugeben, als der Staat einnehmen wird. Es ist die Vorstellung, dass der Staat in Zeiten der Krise Geld ausgeben muss, auch wenn er sich dadurch verschuldet. Trudeau will Straßen und Brücken bauen lassen, Arbeitsplätze schaffen und die Wirtschaft ankurbeln. Zur Finanzierung sollen die Steuern der Allerreichsten des Landes angehoben werden. Wem das nicht gefällt, der kann darauf in Zukunft in Kanada legal einen Joint rauchen. Cannabis will Trudeau auch legalisieren.