Plötzlich steht ein fremdes Pferd auf der Wiese. Wenn Petra Teegen morgens zu ihrer Koppel geht, erlebt sie das öfter. "Ich weiß nie, was mich erwartet", sagt sie. Denn die Koppel von Petra Teegen, die in Norderbrarup in Schleswig-Holstein liegt, ist eine ganz besondere. Am Eingang ist ein Schild angebracht, auf dem steht "Notbox – Pferdeklappe". Das bedeutet: Menschen dürfen hier ihr Pferd abgeben, wenn sie es nicht behalten können. Und zwar anonym, das heißt ohne ihren Namen zu hinterlassen. Sie sollen nur einige Papiere ausfüllen, die in einem Kasten am Gatter stecken, damit Petra Teegen das Wichtigste über das Pferd erfährt – etwa wie alt es ist oder ob es eine Krankheit hat.

Das Wort Pferdeklappe soll an die Babyklappe erinnern. Das ist eine Art Fenster, das an vielen Krankenhäusern angebracht ist. Dahinter steht ein Bettchen, in das Mütter im Notfall ihr neugeborenes Baby legen können, wenn sie nicht für es sorgen können.

Statt durch ein Fenster gehen die Pferde bei Petra Teegen durch das Gatter und stehen dann auf der Weide. So landete zum Beispiel vor knapp einem Jahr ein dunkelbraunes Pony namens Herr Schröder in der Pferdeklappe. Es grast jetzt auf der Koppel und guckt frech aus der Wäsche.

"Als Herr Schröder hier ankam, sah er ziemlich verwahrlost aus", erzählt Petra Teegen. "Er war viel zu dick, hatte ungepflegte Hufe und kranke Gelenke." Sie holte den Tierarzt, den Hufschmied und verordnete Herrn Schröder viele Spaziergänge. Regelmäßig kommen Christina und Louisa vorbei, zwei Mädchen aus der Nachbarschaft, die helfen, Herrn Schröder wieder aufzupäppeln.

Ein eigenes Pferd zu haben ist der größte Wunsch vieler Kinder und auch Erwachsener. Einige erfüllen sich diesen Wunsch. Aber manchmal verwandelt sich das große Glück nach einer Weile in großes Unglück. Pferdebesitzer müssen viel Geld für die Stallmiete, das Futter und den Hufschmied bezahlen, damit ihr Tier gut versorgt ist. Wenn es doch einmal krank wird, Medikamente braucht und der Tierarzt oft kommen muss, wird es teuer. "Manche Besitzer können die Rechnungen irgendwann nicht mehr bezahlen", sagt Petra Teegen. "Sie müssen ihr Pferd schließlich abgeben, finden aber keinen Käufer."

Vor allem kranke Pferde, die viel Pflege brauchen und die man gar nicht oder nur noch vorsichtig reiten kann, will kaum jemand haben. "Die Besitzer fürchten, dass ihre Tiere im schlimmsten Fall auf dem Schlachthof landen."

Damit es dazu nicht kommt, gibt es die Pferdeklappe. Vor zwei Jahren hat sie Petra Teegen zusammen mit anderen Helfern gegründet. Zuvor war sie Krankenschwester, hat aber schon immer fast ihre ganze Freizeit mit Pferden verbracht. Jetzt, mit 62 Jahren, pflegt sie statt Menschen Pferde. Und sie hat alle Hände voll zu tun. Neben Herrn Schröder leben noch mehr als 20 andere Pferde auf ihrem Hof in der Nähe ihrer Koppel. Die Stute Emchen will auf die Weide, Surprise braucht Augentropfen, und natürlich wollen alle gefüttert werden. Zwischendurch klingelt immer wieder das Handy in Petra Teegens Hosentasche.

Viele Leute geben ihr Pferd nicht einfach in der Klappe ab, sondern erzählen am Telefon, warum und wann sie es bringen wollen. "Die meisten sind verzweifelt, einige weinen", sagt Petra Teegen. Sie hört den Menschen geduldig zu und versucht, ihnen Mut zu machen. "Wir finden schon eine Lösung", sagt sie fröhlich ins Telefon. Aber als sie auflegt, seufzt sie. "Das sind oft traurige Geschichten", sagt Petra Teegen. "Da kommen mir manchmal selbst die Tränen." Eine Frau ist gestorben, und ihre Eltern können sich nicht um ihr Pferd kümmern. Einmal riefen Eltern an, die sich scheiden lassen wollten. Sie waren zu gestresst, um sich weiter um die Pferde ihrer Kinder zu kümmern. Ein Mann wurde arbeitslos, da fehlte ihm das Geld. "Das ist bei den meisten der Grund dafür, dass sie ihr Pferd nicht behalten können", sagt Petra Teegen. "Vielen ist das peinlich. Deshalb sind sie froh, dass sie bei uns ihren Namen nicht sagen müssen."

Die meisten Besitzer trennen sich nur schweren Herzens von ihrem Tier. Leider schieben sie die Trennung dann manchmal so lange vor sich her, bis es dem Pferd richtig schlecht geht. So war es auch bei Herrn Schröder. Aber Petra Teegen hat auch schon Menschen erlebt, denen ihr krankes Pferd offenbar einfach nur lästig war. "So etwas macht mich wütend", sagt sie. "Wenn man sich ein Tier anschafft, muss man Verantwortung für es übernehmen, und zwar bis es stirbt."

Manche Pferde werden gar nicht von den Besitzern selbst gebracht, sondern von der Tierschutzbehörde. Wenn die nämlich mitbekommt, dass irgendwo ein Pferd schlecht behandelt wird, nimmt sie es dem Besitzer weg und bringt es zu Petra Teegen. Die Behörde gibt ihr dann Geld, damit sie die Tiere versorgen kann. Außerdem bekommt sie Spenden von Leuten, die ihre Idee gut finden.

In den vergangenen zwei Jahren wurden fast 400 Ponys und Pferde zu Petra Teegen gebracht. Natürlich kann sie nicht alle behalten. Wenn sie die Tiere gesund gepflegt hat, sucht sie deshalb nach neuen Besitzern. Das klappt ziemlich gut, denn es gibt Tierfreunde, die sich gerne um ein Pferd kümmern, selbst wenn man es nicht mehr reiten kann. Oder sie haben schon ein Pferd und möchten ein zweites als Gesellschaft.

Die neuen Besitzer müssen die bisherigen Kosten für die Pflege in der Pferdeklappe übernehmen und unterschreiben, dass sie das Pferd gut versorgen und erst einmal nicht weiterverkaufen.

"Ich freue mich immer riesig, wenn es doch noch ein Happy End gibt", sagt Petra Teegen. Herrn Schröder wollte sie nicht hergeben. Er steht meist mit zwei anderen Pferden auf der Koppel, um neue Klappen-Pferde zu begrüßen. Herr Schröder ist jetzt der "Empfangs-Chef".