Die Party scheint recht fortgeschritten, leere Gläser stehen auf dem Couchtisch. Die Wangen der Frau in der weißen, offenherzigen Seidenbluse sind gerötet, ihre Fingernägel sind knallrot lackiert, sie hält eine Zigarette in der Hand. Rot ist auch die Krawatte des bärtigen Mannes neben ihr, der deutlich älter ist als sie. Er sucht ihren Blick, den sie aber abwendet. Ein Annäherungsversuch? Ein kokettes Spiel? Ist das Sorge? Oder Begehren?

A Woman and her Doctor heißt diese berühmt gewordene Fotografie von Jeff Wall, monatelang hat der kanadische Künstler 1980/81 an dem Bild gearbeitet. Die Frau auf Walls Fotografie ist seine eigene Gattin, der Mann sein Vater (übrigens auch im echten Leben ein Arzt). Der mit einem Manschettenknopf geschmückte Arm am rechten Bildrand gehört dem Künstlerfreund Rodney Graham. Es ist einer von Walls ersten großen Leuchtkästen, vier Exemplare gibt es davon, eines hängt im Museum Ludwig in Köln, ein anderes kam vergangene Woche zum ersten Mal auf den Markt: Am Gemeinschaftsstand der Galerien Johnen und Esther Schipper wurde es auf der Kunstmesse Frieze London zum Preis von 1,4 Millionen Euro angeboten.

Der junge Künstler spielte für dieses Bild mit der alten Kunst, er zitierte für seine Komposition Édouard Manets Im Wintergarten (1879 gemalt, hängt es heute in der Alten Nationalgalerie in Berlin), auf dem ebenfalls eine dunkelhaarige, ins Nichts schauende Frau auf einer Bank zu sehen ist, während sich ein bärtiger Mann auf die Lehne der Bank stützt. Bei Manet hat der Mann die Zigarre in der Hand.

Dieses Kunstwerk muss man auch deshalb so ausführlich erwähnen, weil es paradigmatisch für diese Kunstmesse ist: Schon seit 2012 flirtet nämlich die einst allein für superfrische Werke bekannte Frieze intensiv mit der alten Kunst. Seither gibt es zusätzlich zu den gigantischen weißen Zelten der Frieze London für die neue Kunst am südlichen Rand des Regent Parks auch noch ein weiteres, fünfzehn Minuten Fußmarsch durch den Park entferntes Frieze-Masters-Zelt für jene Kunst, die in den Jahrhunderten und Jahrtausenden vor dem Jahr 2000 entstanden ist.

Die Gründung der Frieze Masters war auch eine Antwort auf die Leere und Beliebigkeit, die sich auf dieser einst für ihre Avantgarderolle berühmten Messe in den Jahren nach der Finanzkrise ausgebreitet hatte. Auch auf der Frieze standen nach rauschenden Festen viel zu viele geleerte Gläser herum. Die in der Finanzmetropole London präsentierte Kunstproduktion schien nun stark von Spekulanten und Anlageberatern beeinflusst zu sein, das Erlebnis des Rebellischen und Auratischen wurde allseits vermisst.

Die Galerie Nahmad ließ deshalb vergangenes Jahr auf der Frieze Masters von einem Hollywood-Bühnenbildner das Apartment eines fiktiven, aber dafür den Anschein nach umso leidenschaftlicheren Kunstliebhabers und Bohemiens aus der Zeit um 1968 nachbauen – inklusive dreckigem Geschirr, alten Gitanes und einigen Gemälden von Picasso und Giorgio Morandi. In diesem Jahr versuchte Helly Nahmad den großen Publikumserfolg zu wiederholen. Das ist gründlich misslungen: Derselbe Bühnenbildner hatte jetzt drei Räume mit antikem Krankenhausmobiliar und süß-bunt vollgemalten Wänden aufbauen lassen, die kitschige Fantasie eines Irrenhauses um 1945. Gegenüber hingen Gemälde von Jean Dubuffet – angeblich wurden gleich zu Beginn der Messe mehrere verkauft.

Für eine atmosphärische Inszenierung historischer Räume hatte sich auch der unter anderem auf die Kunst von Egon Schiele spezialisierte Händler Richard Nagy (London) entschieden und einen kleinen Wiener Salon um 1900 nachbauen lassen. Und die Messeleitung hatte die Perspektive des leidenschaftlichen Sammlers gleich auf eine ganze, allerdings kleine Sektion der Frieze Masters übertragen: Kurator Norman Rosenthal, der im vergangenen Jahr schon der Galerie Nahmad bei ihrem Kulissenbau geholfen hatte, durfte acht Händler einladen, die jeweils mit Passion Gesammeltes präsentierten. Simon Theobald etwa bot ausschließlich Porträts aus dem Expressionismus an, der Münchner Galerist Daniel Blau zeigte – neben Fotografien von David Bailey – seine umfangreiche Sammlung handgearbeiteter Angelhaken aus dem pazifischen Raum.

Und so arbeitet die Frieze Masters weiter an dem Versuch, durch das Zeigen von älteren, klassischen Kunstwerken die oftmals als zu beliebig, ja läppisch wahrgenommene zeitgenössische Kunst aufzuwerten, sie in eine Tradition zu stellen. In einem Imagetransfer soll umgekehrt auch die alte Kunst gleichsam ästhetisch aufgefrischt werden. Händler wie Johnny van Haeften mit seinen Ölgemälden von Pieter Breughel d. J. oder die Galerie Cahn aus Basel mit ihren neolithischen Idolen aus Stein kommen aus diesem Grund sehr gerne zu dieser Messe. Sie erhoffen sich den Zugang zu jüngeren und dennoch zahlungswilligen Frieze-Käuferschichten. Auf dem Markt für zeitgenössische Kunst werden derzeit die weitaus höheren Preise gezahlt. Bei dem Versuch der Erschließung dieser neuen Käuferschichten sprechen die Altmeister- und Antiquitätenhändler gerne vom Cross-over, womit zunächst mal ein recht wilder Stilmix durch die Jahrhunderte gemeint ist, der seit Jahren etwa von dem Kunsthändler und Raumausstatter Axel Vervoordt geprägt wird. Auf der Frieze Masters fanden sich solche Mixturen dieses Jahr auch an dem Stand von Manuela Hauser und Iwan Wirth, die sich mit dem Altmeisterhändler Moretti aus Florenz, London und New York zusammengetan hatten. Da hing dann ein farbiges Terrakotta-Wappen von Andrea della Robbia (1435 bis 1525) neben einer Tonplastik von Fausto Melotti (1901 bis 1986) und Zeichnungen von Alberto Giacometti und Henry Moore – die sofort verkauft wurden – in einer Reihe mit dem von einem unbekannten neapolitanischen Künstler des 17. Jahrhunderts in Öl gemalten Totenkopf.

Der Totenkopf, dieses Memento mori, mag als Warnung für die Zukunft gelten, noch aber gehen die Geschäfte, glaubt man den Galeristen, in dieser Beziehung aus Alt und Neu einigermaßen gut. Zwar sah man die neuen Reichen aus Russland, dem arabischen Raum und China nicht in Massen auf die Messe strömen, dafür aber kamen auffallend viele Italiener. Sie schlugen auch bei den zeitgleich zur Messe stattfindenden Auktionen in London zu: Bei den "Italian Sales" für italienische Kunst setzte Sotheby’s an einem Abend 40,4 Millionen Pfund, Christie’s am Folgeabend 43,2 Millionen Pfund um.