Es war einmal eine Meerjungfrau, die konnte man bestenfalls als Flachwassernixe bezeichnen. Ihr Fischschwanz hatte in der Mitte einen unschönen Knick. Beim Schwimmen hoppelte sie damit eher durchs Wasser, als dass sie glitt. Andauernd musste sie auftauchen, weil ihr die Puste ausging; und wieder unten, gab sie mehr Luftbläschen von sich als eine Brausetablette im Glas. Richtig fremdschämen aber mussten sich die anderen Wasserwesen, wenn die Dame mal wieder erotische Posen trainieren wollte – obwohl das Verführen doch dem Wesen der Meerjungfrauen entspricht: Dann schwammen ihr alle Haare vorm Gesicht herum, und sie kniff ständig die Augen zu, weil sie gar furchtbar brannten. Halb blind und mit unkoordiniertem Fuchteln trieb sie so durch die Fluten, auf dass jeder noch so betörungsinteressierte Seemann sofort Reißaus genommen hätte.

Die talentfreie Arielle bin ich. Merkwürdig verkleidet, paddele ich in einem Pool im britischen Newquay herum. Meine Beine stecken in einem Schlauch aus orangegelbem Stretchstoff, der als Monoflosse endet und ungefähr wie ein Fischschwanz aussähe – wenn ich nicht dauernd die Knie anwinkelte. Dazu trage ich ein Bikinitop, um den Hals eine Kette mit Muschelanhängern; und posiere unter Wasser als Meerjungfrau für den Fotografen Alastair Scarlett. Seit zwei Stunden versucht er nun schon, mich abzulichten. Doch der kummervolle Blick, mit dem er nach jedem Tauchversuch die Bilder anguckt, gefolgt von einem mitleidigen in meine Richtung, lässt vermuten, dass wir so bald nicht fertig sind.

Die Fotosession ist Teil eines Kurses im Mermaiding. Einer neuen Sportart, bei der man in Meerjungfrauenmontur taucht und posiert. Die Sache begann in Florida, wo der Themenpark Weeki Wachee Springs schon lange eine "Underwater Mermaid Show" zeigt: In einem natürlichen Quellsee treten Frauen im Nixengewand auf, zeigen Wasserballett, singen zum Play-back und essen sogar unter Wasser. Über die Jahre wuchs die Zahl menschlicher Meerjungfrauen durch Filme wie Splash und Arielle. Heute schwimmen Profis in Aquarien, Kasinos und Werbespots herum. Und ein ganzer Schwarm von Hobbyisten stellt eigene Fotos und Tipps zum Kostümbau ins Netz.

Als Kind träumte ich davon, Prinzessin, Fee oder Meerjungfrau zu werden. Wobei es gewisse Vorbehalte gab: Fee hörte sich anstrengend an – ständig musste man fremden Menschen drei Wünsche erfüllen. Prinzessin fand ich zu gefährlich – dort draußen waren so viele Schurken mit Giftspindeln und -äpfeln unterwegs. Als Meerjungfrau aber schien man sich fröhlich durchs Leben zu planschen; ein Wohlfühljob. Als ich 30 Jahre später nun von dieser Fischdamen-Szene erfuhr, wollte ich da sofort eintauchen. Zumal ein Kurs im Mermaiding auch noch ein Schnäppchen ist – drei Reisen in einer: vom Land ins Wasser, aus der Erwachsenen- in die Kinderwelt, aus der Realität ins Märchenreich! Ein Veranstalter in Newquay bot eine Kombination aus Apnoetauchen und Mermaiding an. Da wird man ja richtig zum Wasserwesen, dachte ich und buchte den Kurs. Dauer: drei Tage. So lange, wie die Kleine Meerjungfrau als Mensch herumlief.

Sechs Stunden fährt man im Zug von London nach Newquay, in den äußersten Südwesten Englands. Dort gräbt sich das Meer tief ins Land, schafft Buchten zwischen schroffen Klippen; und auch im Ort ist das Wasser allgegenwärtig: Schilder preisen Surf- und Tauchkurse an, Bootstouren und Hochseefischen. Die Lokale heißen Sailors Arms oder Amity Sea Food Café, der Friseursalon Beach Shack. Es gibt elf Strände, einen Hafen mit Ruderclub und Rettungsbootstation. Und Geschichten von gleich zwei Meerjungfrauen, die an Cornwalls Küsten herumspuken sollen: Die Mermaid of Padstow saß einst Haare kämmend auf einem Felsen und wies einen Freier zurück. Der erschoss sie – worauf sie per Fluch eine Sandbank schuf, auf der Hunderte Schiffe strandeten. Die Mermaid of Zennor hingegen erschien regelmäßig zum Gottesdienst einer kleinen Gemeinde und sang kräftig mit, süßer als alle anderen – bis sie eines Tages den besten Sänger des Ortes mit sich nahm.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Singen ist übrigens traditionell ein Riesenthema unter Wasserweibern. Genauso wie Frisieren in der Öffentlichkeit und Sich-Räkeln in semiaquatischer Umgebung. Alles Anmachtricks, denen Männer unrettbar verfallen, zumal Meerjungfrauen auch noch wunderhübsch sind – und gleichzeitig unerreichbar: nicht fähig zu tiefer gehenden sexuellen Aktionen. Die personifizierte Hinhaltetaktik. Und lässt sich eine doch mal auf eine Beziehung ein, dann geht die Liaison, außer in Disneymärchen, meist schief: Weil Mensch und Wassergeist, Sinnbilder für Mann und Frau, zu verschieden sind, haben Meerjungfrauengeschichten fast nie ein Happy End.

Im Moment entmutigt mich das aber nicht. Singen kann ich hervorragend, Haarestylen und Räkeln geht so. Den Rest soll Ian Donald richten, lang und schlaksig, mit einem Algenteppich aus grünlichen Tattoos auf den Schultern und erstaunlich redefreudig für einen Menschen, der unter Wasser arbeitet. Ian ist Leiter der Tauchschule Freedive UK und empfängt mich und drei Apnoetauchschüler am Swimmingpool eines Campingplatzes. Dort sollen wir erst mal die Luft anhalten. Wir üben Zeittauchen, eine Apnoedisziplin, deren Weltrekord bei 11:35 Minuten liegt: ruhig atmend im Taucheranzug auf dem Rücken im Wasser treiben. Dann tiefer Luft holen. Mit aller Kraft ausatmen. Jetzt den Körper in drei Etappen so richtig aufpumpen: den Bauch, die Brust – mit zurückgelegtem Kopf und weit offenem Mund noch das letzte bisschen Luft einsaugen. Und umdrehen.

Das Gesicht im Wasser, starre ich durch die Taucherbrille auf die blauen Kacheln des Beckenbodens. In einer Ritze dazwischen schaukeln Sandkörner hin und her. Die Poolbeleuchtung flimmert ein wenig. Ansonsten tut sich nichts. Die Unterwasserzeit dehnt und streckt sich, wird lang und länger und am allerlängsten, obwohl ich geschätzt erst eine Minute daliege. "Lenk dich ab", höre ich Ians Stimme, "dann denkst du nicht ans Atmen! Stell dir Schritt für Schritt vor, wie du Tee kochst!" Wasser in Tasse, Tasse in Mikrowelle, Tasse wieder raus, Beutel in Tasse, fertig. Teekochen als Zerstreuung funktioniert wohl nur bei Briten. Ich versuche mir auszumalen, wie Ian Tee kocht, doch mir fehlt die Fantasie. Dafür fällt mir ein, dass Pottwale 90 Minuten die Luft anhalten und Wasserschildkröten eine Stunde unter Wasser schlafen können. Wie atmen Meerjungfrauen eigentlich – haben sie Kiemen oder müssen sie regelmäßig rauf?

Ich jedenfalls sollte jetzt hoch, mein Zwerchfell beginnt zu zucken. Ich tauche auf und schnappe nach Luft. "Zwei Minuten 20", sagt Ian. Viel besser als gedacht. Ich bin ganz fix ’ne Nixe! Kurz darauf packe ich sogar die Drei-Minuten-Marke, und am Nachmittag schaffe ich mit Flossen in nur einem Atemzug zwei Bahnen durchs Becken. Als Ian dann noch erzählt, dass der Mensch aus früheren Zeiten einen Tauchreflex hat – wenn Wasser das Gesicht berührt, fährt der Körper ein Sauerstoffsparprogramm –, da denke ich schon: Sauerstoff ist so was von überbewertet; Atmen schränkt einen nur unnötig in der Wahl des Wohnsitzes ein. Ich zieh ins Meer! Wetttauchen mit Pottwalen! Wettschlafen mit Schildkröten!