Vor zwei Jahren veranstaltete ich ein Seminar über zeitgenössische Künstlerromane. In jeder Sitzung diskutierten wir ein Buch. Dabei kam heraus, dass Silke Scheuermann in Shanghai Performance viel aus Katalogtexten über Vanessa Beecroft abgeschrieben hat, dass Daniel Kehlmanns Ich und Kaminski eine sehr klischeehafte und Leif Rands Leuchtspielhaus eine lasziv-schöne Vernissage-Beschreibung enthält oder dass wohl niemand das New Yorker Kunst-Business so genau analysiert hat wie Michael Cunningham in seinem Roman In die Nacht hinein.

An dem Tag, an dem Michel Houellebecqs Karte und Gebiet auf dem Programm stand, ging ich missmutig in das Seminar. Das Buch hatte mich nicht enttäuscht, aber die Passagen über den Kunstbetrieb wirkten aufgesetzt auf mich. Wie albern, so zu tun, als würde man als Künstler mit einem einzigen Exponat bei einer Gruppenausstellung nicht nur "die schönste Frau" kennenlernen, sondern auch noch eine Karriere starten können. Und was soll man davon halten, dass der Protagonist, der Künstler Jed Martin, mit Bildern bekannt wird, die Ausschnitte von Michelin-Straßenkarten französischer Departements zeigen? Das erscheint so krude wie sonst die Bilder in schlechten Filmen über genialische Künstler.

Zum Kunststar wird Martin mit einer "Serie einfacher Berufe": großformatigen Bildern mit Titeln wie Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik. (Man könnte hier die Gemälde des US-Amerikaners Mark Tansey assoziieren, der realistisch-symbolhafte Szenen der Geistesgeschichte malt.) Als die Serie in einer Pariser Galerie ausgestellt wird, kommen Sammlermilliardäre wie François Pinault höchstpersönlich vorbei oder schicken, wie Roman Abramowitsch, zumindest ihre Chefeinkäufer. Ein paar Jahre später schon ist ein einzelnes Bild zwölf Millionen wert. Als Leser fühlt man sich an pubertär-naive Träume vom Ruhm erinnert, die hier ohne jegliche Brechung verwirklicht scheinen.

Im Lauf der Seminardiskussion über den Roman wurde mir aber klar, dass Houellebecq so durchdacht wie berechtigt überzeichnet. Je absurder er die Kunstwelt darstellt, desto eher lässt sich erkennen, wie willkürlich es in ihr tatsächlich zugeht. Wer könnte bestreiten, dass die Geschichten von Auktionsrekorden und Künstlerkarrieren die zeitgenössische Kunst und ihre Akteure zu einem Rätsel werden lassen? Warum jemand Erfolg hat und wofür die gezahlten Summen stehen, ist nicht zu erklären: "Wir sind [...] an einem Punkt angelangt, wo der Markterfolg jeden Mist rechtfertigt, ihn anerkennt und sämtliche Theorien ersetzt, niemand ist mehr imstande, ein bisschen weiter zu blicken, absolut niemand." Diese Worte, die Houellebecq Martins Galeristen in den Mund legt, bringen es auf den Punkt: Gegen so viel Maßlosigkeit und Irrationalität ist keine Theorie gewachsen.

Hat man das akzeptiert, stört man sich nicht mehr daran, dass Jed Martin im gesamten Roman kaum als "wirklicher" Künstler in Erscheinung tritt. Wie etliche Figuren in den Romanen Houellebecqs lebt er sein Leben ohne nennenswerte Ziele. Statt durch den Erfolg motiviert weiterzuarbeiten, die Aufträge der Reichen zu erfüllen oder den Sprung in den Kanon der Kunstgeschichte zu schaffen, gibt er das Malen auf. Später arbeitet er wieder künstlerisch, aber seine neuen Werke haben so wenig mit den vorangehenden zu tun, dass sich keine Künstlerpersönlichkeit erkennen lässt. Allerdings finden sich – eines der Leitmotive des Romans – immer wieder Kunstkritiker, denen es gelingt, alles mit allem in Verbindung zu bringen und zu erklären, was aber letztlich nur umso mehr Zweifel am Sinn von Erklärungen weckt.

Dieser Jed Martin ist also eine geradezu metaphysische Person, denn eben weil auf ihn keiner der üblichen Mythen passt, hat sein Erfolg als Künstler eine skandalös-spekulative Dimension. An seinem Beispiel zeigt Houellebecq, der in dem Roman selbst als unseliger Katalogautor auftaucht, wie sehr sich im zeitgenössischen Kunstbetrieb dringlicher denn je die Frage stellt, worin Erfolg eigentlich begründet liegt. Wie in früheren Zeiten heiß diskutiert wurde, ob die Natur das Produkt göttlicher Schöpfung oder aber zufälliger Mutationen ist, geht es heute, da jeder als Individuum auf sich gestellt ist, in zahllosen Ratgebern darum, was sich Leistung und Fleiß verdankt, was eher Begabung, was dem Glück, guten Kontakten oder dem Zufall. So allgemeine Fragen nach Gründen sind aber nie zu beantworten. Doch sie liefern Stoff für Romane, und Houellebecq erzählt in Karte und Gebiet die Geschichte eines Künstlers, der, gerade weil er als solcher unfasslich bleibt, viel provokanter als die Künstlerfiguren anderer Romane der letzten Jahre ist. Es war tatsächlich das beste Buch des Semesters.

Michel Houellebecq: "Karte und Gebiet", a. d. Franz. v. Uli Wittmann. Dumont Buchverlag, Köln 2011. 416 S., geb. 22,99 €