Abenteurerin, Wissenschaftlerin und Künstlerin in einer Person: Das ist Maria Sibylla Merian. Die 1647 in Frankfurt Geborene war schon als Kind von Flora und Fauna fasziniert und bemühte sich um ihre naturgetreue Abbildung. Das Zeichnen lag in der Familie – ihr Vater war der bekannte Topograf Matthäus Merian. Sie züchtete Seidenraupen und studierte ihre Metamorphose, bildete sich auch in den Naturalienkabinetten in Amsterdam weiter. Doch es dürstete sie nach den lebendigen Wesen. 1699 nahm sie die lange und gefährliche Seefahrt nach Südamerika auf sich, um dort das Leben der Insekten in ihrer natürlichen Umgebung zu erkunden. Ihre wissenschaftliche Arbeit mündete in dem prächtigen Buch Metamorphosis Insectorum Surinamensium von 1702. Die wunderbaren Illustrationen bilden nicht nur die Tiere in ihren verschiedenen Stadien ab, sondern zeigen auch die Pflanzen, auf denen und von denen sie leben. Die pralle gelbe Pampelmuse bildet das Ambiente für eine exzentrisch langhaarige Raupe, ihre unscheinbare Puppe und schließlich den geschlüpften Schmetterling.

Eine ganz besondere Erstausgabe dieser Kostbarkeit wird am 22. Oktober bei der Auktion wertvoller Bücher im Berliner Auktionshaus Bassenge versteigert. Bei den 60 Bildtafeln handelt es sich nicht wie üblich um kolorierte Kupferstiche, sondern um noch viel seltenere Umdrucke: Die Künstlerin hat diese Blätter nicht auf die Kupferplatten gelegt, sondern hat den Abdruck von den frisch gedruckten Kupferstichen genommen: Papier auf Papier. Dadurch sind die Bilder seitenverkehrt, die Linien noch feiner. Koloriert hat sie die Bilder wohl selbst, oder es war eine ihrer beiden Töchter. Der Schätzpreis liegt bei 100.000 Euro, aber das Werk ist so selten, dass man sich nicht wundern würde, wenn der Hammer erst bei der doppelten Summe aufs Pult knallt.

Lisa Zeitz ist Chefredakteurin von "Weltkunst" und "Kunst und Auktionen".