Die Bühne ist blau ausgeleuchtet. Es ist ein dunkles, tintiges Blau, das weniger an die blaue Stunde denken lässt, als an den Beginn einer langen Reise ans Ende der Nacht. In Das Missverständnis, einem Stück von Albert Camus, wird die Schauermär von Jan erzählt, dem verlorenen Sohn, der in der Ferne sein Glück gemacht hat und nun nach Hause zurückgekehrt ist. Seine Mutter und die Schwester Martha, die eine Pension in einer böhmischen Niemandsbucht bewirtschaften, verdienen ihren Lebensunterhalt damit, dass sie ihre Untermieter ermorden, um an deren Geld heranzukommen. Jan, der seine Identität geheim hält, wird von seiner Familie nicht erkannt und erleidet dasselbe Schicksal wie alle seine Vorgänger. Als die beiden Megären erkennen, was sie getan haben, entleiben sie sich im Zustand höchster Verzweiflung. "Ein Mensch ist immer das Opfer seiner Wahrheiten" – so hat es Camus in seinem Hauptwerk Der Mythos von Sisyphus formuliert.

Das Mißverständnis ist alles andere als ein fulminantes Theaterwerk, sondern ein reichlich papierenes Thesendrama und eher eine Krücke, die den existentialistischen Maximen des Autors auf die Beine helfen soll. Mit Schauspielern alleine ließe sich daraus wohl kaum mehr machen als ein Exponat für das Museum der Philosophie des 20. Jahrhunderts. Doch so wie Regisseur Nikolaus Habjan, der seit bald zehn Jahren die Wiener Puppentheaterszene aufmischt und mit Stücken wie Helmut Qualtingers Der Herr Karl oder F. Zawrel – erbbiologisch und sozial minderwertig große Erfolge gefeiert hat, das Drama in einer neuen Produktion des Wiener Volkstheaters angeht, wird es zu einer faszinierenden Studie über die fundamentale Absurdität der menschlichen Existenz.

Die Bühne – halb verkleinertes Modellhaus, halb kippende Hotelrezeption – ist eher eine spielerische Versuchsanordnung als ein realistischer Prospekt. Die Rollen werden zuerst von Schauspielern verkörpert, um dann in die Körper von Puppen zu wandern – und wieder zurück. So kann die Gefahr einer naturalistischen Identifikationskunst schon von vornherein gar nicht aufkeimen: In der Abstraktion des Figurentheaters manifestiert sich das allzu Menschliche als Idee, die zur Handlung wird. Eine Befreiung von der Sinnlosigkeit erweist sich als Illusion.

Vor allem der Figur der Martha, jener traurigen, frustrierten Tochter, vom Leben verhöhnt, vom Schicksal gepeinigt, die unter der Fuchtel der Mutter zur Verbrecherin wird, hat Habjan, der seine Puppen selbst baut, eine faszinierende Gestalt gegeben: In ihre kantigen, versteinerten Züge sind die Verzweiflung und der Wahn genauso eingeschrieben wie der Nachglanz verwelkter Schönheit. Ein letzter Rest Hoffnung beginnt zu flackern, wenn der Spieler mit der Hand in seine Kreatur fährt und sie zum Leben erweckt. "Alle hatten mich gewarnt, als ich das Missverständnis inszenieren wollte", erzählt Nikolaus Habjan: "Das sei so eine vertextete Kopfgeburt. Ich habe das Stück dann vor dem Einschlafen gelesen, und gleich ist ein Kopfkino losgegangen. Martha konnte ich sofort sehen, die war gleich da. Und wenn man eine Puppe sieht, dann sieht man auch die Gedanken, die sich in ihr formen."

Nikolaus Habjan ist ein junger Mann von gerade mal 28 Jahren, der gelegentlich ein schmales Menjou-Bärtchen trägt, was ihm das gewisse Je ne sais quoi eines blassen Aristokraten aus dem 19. Jahrhundert verleiht. Dass er Puppenspieler und Regisseur werden wollte, wusste er schon im Alter von fünf Jahren, als er zum ersten Mal eine Vorführung des Salzburger Marionettentheaters sah. Und genau an diesem Punkt ist er, nach etlichen Semestern Studium und diversen Diplomen, heute angelangt.

Habjans Spezialität sind lebensgroße Klappmaulpuppen, die, im Gegensatz zum Marionettentheater, das hinter einer Barriere stattfindet, von sichtbaren Darstellern gespielt werden. Man könnte sagen: Die Theaterfigur und ihr Double, denn auf der Bühne sind immer zwei zu sehen, die auf unterschiedliche Weise interagieren. Manchmal ist der Spieler nur Bauchredner, der seiner Puppe die Stimme leiht und sie in Bewegung versetzt, dann wiederum wird er zum Dialogpartner oder sogar zu einer Hassfigur: "In meiner satirischen Produktion Schlag sie tot!", erzählt Habjan, "passiert es ganz oft, dass die Puppe aus der Rolle aussteigt und mich anfaucht, warum ich sie jetzt gerade so schlampig spiele oder warum ich nicht das mache, was sie will." Früher habe er die Rede vom Eigenleben der Bühnenrequisiten für Theateresoterik gehalten. Bis ihn die eigene Praxis eines Besseren belehrte: "Mein Lehrer Neville Tranter, der im Alleingang das moderne Puppentheater revolutioniert hat, sagte immer: Du musst die Puppe als Spielpartner sehen. Nicht als Instrument. Du musst auch darauf reagieren, wenn sie etwas macht. Ich dachte immer: O Gott! Und dann ist es einmal passiert, dass ich mich, als der Text schon längst automatisiert war, dabei ertappte, wie ich der Puppe zuhörte. Sie rührte mich so, dass ich feuchte Augen bekam. Ich dachte dann: Das ist jetzt schon richtig deppert. Das mach ich doch selber, und jetzt wird es zu mir zurückgespielt."

Puppenspieler sind, das wird im Gespräch mit Nikolaus Habjan schnell klar, ein ganz eigenes Völkchen, das eine potenziell schizophrene Situation mit ausgelagerten Persönlichkeitsanteilen produktiv macht. Und zudem mit dem Vorurteil zu kämpfen hat, dass sein Metier doch in erster Linie der Erbauung und Belehrung von Kindern diene: "In Österreich heißt es immer gleich: Aha, Kasperl."