Kaffeeduft und Zweitaktergeruch schweben über dem Magdeburger Elbauenpark. Familien hocken auf Campingmöbeln, sie frühstücken zwischen Autos und Wohnwagen der DDR-Zeit. Man sieht Tarnfleck. Ein Mann in Leuchtweste telefoniert aufgeregt, das ist Frank Schuster, schnurrbärtiger Cheforganisator des Ostmobilmeetings Magdeburg, liebevoll "die OMMMA" genannt.

Schuster ist Mitinhaber eines Baubetriebs in Magdeburg. Die Traditionsfirma seiner Familie fiel im Jahr 1972 einer Verstaatlichungswelle zum Opfer, weil sie mehr als zehn Mitarbeiter beschäftigte – der DDR weint der 56-Jährige keine Träne nach. Dennoch, Jahr für Jahr organisiert er mit rund 50 Mitstreitern eine Art Zeitreise in den realen Sozialismus. Also in die Vergangenheit.

Aufs Gelände dürfen nur Fahrzeuge aus ehemals sozialistischen Ländern, die sich in einem Zustand befinden, wie er zwischen 1945 und 1990 möglich war. Also keine modernen Felgen, wohl aber rasselt der eine oder andere Trabant mit Heckspoiler umher. Schuster selbst fährt ein zitronengelbes Wartburg-Cabrio; auf dem Armaturenbrett thront ein farblich passender Stoffteddy.

Die Oldtimerszenen in Ost und West unterscheiden sich voneinander. Die westdeutsche trägt alle Züge einer Klassengesellschaft. Alte Autos können beliebig teuer sein, und so finden piekfeine Veranstaltungen in Schlossparks statt, auf denen wahre Preziosen vorgeführt werden. Beim anschließenden Galadiner repräsentiert man im Abendkleid oder Frack. Für den Rest der westdeutschen Gesellschaft dagegen sind Schraubertreffs und Volksfeste vorgesehen, wo alle Welt sich duzt und keinen Wert auf Garderobe legt.

Eine solche Klassenspaltung ist der ostdeutschen Szene fremd. Gleichwohl existieren feine Unterschiede. Auf der Magdeburger Wiese fallen Škoda-Cabrios ins Auge, elegante Wagen aus der einstigen Tschechoslowakei, die damals nicht in die DDR exportiert wurden; wer sie fährt, wird eher an die Riviera denken als an das Ostseebad Kühlungsborn. Eine Klasse für sich sind auch die sowjetischen Tschaikas, schwere Karossen, protzig verchromt. Unter ihnen sticht in Magdeburg eine champagnerfarbene GAZ-13 hervor, das erste Tschaika-Modell; für das Design stand der amerikanische Packard Patrician aus den fünfziger Jahren Modell. Der Trumm gehört dem 41-jährigen Ingolf Mehl, der solche fahrenden Kathedralen in seiner Kindheit noch selbst gesehen hat: "Das waren die Wagen für die oberste Staats- und Parteiführung", sagt er.

DDR-Bürger mit gehobenem Wohlstand konnten immerhin den Wartburg beantragen, den schwungvoll gestalteten Wagen der "unteren Mittelklasse", wie es früher hieß. Seine Entstehungsgeschichte wird als Heldenepos erzählt: Als das ehemalige BMW-Werk im thüringischen Eisenach in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre erneuert werden muss, zögert das zuständige Ministerium die Entscheidung für ein neues Auto hinaus. Woraufhin die Werksspitze auf eigene Faust eines entwickeln lässt, heimlich, mit abgezweigtem Material. Da müssen sehr viele Leute dichtgehalten haben, auch in den Überwachungsorganen. Regionale Solidarität.

Doch dann trifft plötzlich die Hiobsbotschaft ein: Die Regierung will zwar ein neues Auto bauen, aber im sächsischen Zwickau, nicht in Eisenach. Nun ziehen die Thüringer den Joker: Sie überzeugen die SED-Spitze von ihrem Projekt, dem späteren Wartburg. Das Manöver durchkreuzt die Pläne der Regierung, denn die Partei hat immer recht. Auch in den Folgejahren ringen Staats- und Parteifunktionäre wieder und wieder um die Kontrolle der Wirtschaft und konkurrieren die Thüringer mit den Sachsen.

Die Wartburg- und die Trabant-Fahrer gehören bis heute zwei verschiedenen Kulturen an. Die einen fahren Limousinen und die anderen ein Pappauto, dessen Karosserie besteht aus einem Stoff, in dem Baumwollabfälle und Kunstharz ineinandergewirkt wurden. Stinkende, schwächelnde Zweitakter sind sie alle beide; Ambitionen der Ingenieure in Eisenach und Zwickau, Viertakter zu bauen, scheiterten an der Parteiführung. Das ist überhaupt ein großes Thema, dieses "Wir hätten es gekonnt, durften aber nicht". Die These ist allerdings unvollständig. Denn das Können war zwar vorhanden, aber die DDR-Wirtschaft konnte sich bessere Motoren und Karosseriebleche schlicht nicht leisten.