An diesem Abend erlebt der Regisseur Volker Lösch, 52, wie es sich anfühlt, für einen Pegida-Anhänger gehalten zu werden. Schon seit Stunden ist er als Beobachter in der Stadt unterwegs, ein glatzköpfiger Hüne im Nadelstreifenanzug, mit Aktentasche, Wollmütze und Schal. Er hat sich erst eine Anti-Pegida-Demo angesehen und sich dann auf den Theaterplatz geschlichen, um dem Bösen ins Auge zu sehen, jenen Zehntausenden "Patriotischen Europäern", deren Parolen seit einem Jahr alles in Dresden durchdringen – jede Diskussion, jede Begegnung, jede Familienfeier. Als Lösch den Pegida-Aufmarsch gerade wieder verlassen will, geschieht beinahe ein Unglück: Linke Gegendemonstranten verwechseln ihn und einige andere um ihn herum mit Pegidisten. Die Linken buhen, brüllen, toben. Nur eine Kette aus gepanzerten Polizisten bewahrt Lösch vor Schlimmerem. "Das war nicht unknapp", sagt er danach. "Was hier passiert, das kapierst du erst, wenn du es siehst und erlebst. Vorher verstehst du es nicht."

Alles verworren in dieser Stadt. Dresden 2015: Vor einem Jahr noch eine schöne, aber auch schön langweilige Residenzstadt, ist dieser Ort zum Kriegsschauplatz der deutschen Asyldebatte geworden. Hier konzentriert sich der Kampf, den die Republik mit sich selbst austrägt, auf engstem Raum. Der Riss, der die Deutschen teilt – in solche, die noch mehr helfen wollen, und solche, die keinen, nicht einen einzigen Flüchtling zusätzlich aufnehmen möchten –, ist hier so tief, dass der Alltag in ihm verschwindet. Man spürt diesen Riss täglich und auf den Straßen, er dominiert das Leben, nicht nur an diesem schrecklichen Montag, da Pegida seinen ersten Geburtstag feiert. Dresden ist ein großes Drama und braucht einen Regisseur, ganz dringend.

Es ist deshalb kein Zufall, dass Volker Lösch sich in der Stadt aufhält. Der Mann, in Worms geboren, in Berlin wohnhaft, taucht besonders dort auf, wo das Leben gerade seine garstigsten Pointen erzählt. Lösch gehört zu den politischsten Theater-Regisseuren in Deutschland, sein Markenzeichen ist ein "Bürgerchor", den er in althergebrachte Theaterstücke einarbeitet und die er so aktualisiert. In diesem Chor treten, der Name sagt es, echte Bürger auf, welche die Sicht des Volkes verkörpern. Lösch hat in früheren Inszenierungen bereits Strafgefangene, Prostituierte, Hartz-IV-Empfänger oder Sinti und Roma auftreten lassen, er hat gewissermaßen den Menschen am Rande ein Forum geboten.

Jetzt macht er eine Aufführung über Pegida.

Am Dresdner Staatsschauspiel inszeniert Lösch derzeit Graf Öderland nach Max Frisch, ein Stück, das den Aufstand der Konservativen unter einem charismatischen Führer zum Thema hat – wie geschrieben für Pegida-City. Schon lange vor der Premiere steht das Staatsschauspiel deshalb im Sturm der Dresdner Gegenwehr: Die Aufführung wird Auseinandersetzung sein mit den "Patriotischen Europäern", mit der bösen Stimmung in der Stadt, der Kälte auf den Straßen, dem Hass in den vielen kleinen Augen. Auch diesmal sind es wieder ganz normale Bürger, die Löschs Chor ausmachen: alles Dresdner. Der Untertitel der Öderland-Version: "Wir sind das Volk". Und momentan sieht es so aus, als werde Öderland Löschs schwierigstes Werk.

Vor einem Jahr noch dachte selbst Sigmar Gabriel, man könne mit den Pegidisten irgendwie reden, sie verstehen, vielleicht sogar bekehren. Jetzt, sagt Lösch, müsse man aufpassen, dass man von ihnen nicht angeschrien und niedergemacht werde. Von Reden kein Spur. Beizukommen ist Pegida nicht mehr, jedenfalls nicht mit Argumenten, nicht im Wettkampf der Worte. Das Konzept "Pegida" ist inzwischen das Konzept aller Asylgegner und Rechtspopulisten. Was in der Welt geschieht, wird ins eigene Weltbild verwurstet, Dinge, die dem Weltbild widersprechen, werden abgestritten und nicht geglaubt. Da hilft nur noch – so denken viele Dresdner – der Blick von außen.

Lösch kommt von außen. Er war einige Jahre Hausregisseur am Stuttgarter Theater, er hat Demos gegen Stuttgart 21 organisiert, er hat Skandal-Aufführungen von Hamburg bis Berlin initiiert. Er kennt aber auch Dresden, auch hier hat er schon gearbeitet. Ein Linker mit erheblicher Erfahrung im bürgerlichen Protest.

"Eines aber ist diesmal anders", sagt Lösch. Was? "Viele Stücke, die ich bisher inszeniert habe, hatten einen klaren Gegner, immer ein ungerechtes System. Die Straftäter, die Prostituierten, die Sinti und Roma, sie waren die Opfer von Strukturen, eines Systems. Doch hier in Dresden haben wir es mit zwei Lagern in ein und derselben Gesellschaft zu tun, die einander gegenüberstehen. Feindlich. Auf Augenhöhe. Im Bürgertum! Pegida durchdringt diese Stadtgesellschaft, und niemand weiß: Gehört der da dazu? Oder die da?" Lösch steht noch ganz am Anfang, gerade erst entstehen die Texte für Öderland, Premiere ist Ende November.