DIE ZEIT: Mr. Collins, wer nennt Sie eigentlich noch Philip?

Phil Collins: Für meine Mutter bin ich immer Philip geblieben. Zuletzt gab es noch eine Freundin, die mich Philip nannte. Aber nur, weil ich darauf bestand. Als ich die vor zehn Jahren kennenlernte, sagte ich ihr: Ich will weg von meinem alten Ich. Ich hatte die Schnauze voll davon, "Phil" Collins zu sein.

ZEIT: Was war das Problem mit Phil?

Collins: Mich nervte damals alles an Phils Karriere. Ich fühlte mich gefangen und wollte nur noch meine Ruhe außerhalb der Öffentlichkeit. Alles, was dieser Phil Collins tat, schien mit Ärger verbunden zu sein. Also wollte ich wieder der sein, der ich vor meiner Musikkarriere mal war: Philip Collins.

ZEIT: Hat nicht geklappt, oder?

Collins: Bedingt. Phil zur Ruhe zu setzen war ungefähr so einfach, wie einen gewaltigen Öltanker zur Vollbremsung zu bringen: Es brauchte viel Zeit. Das begann damit, dass ich vielen Menschen in meiner Umgebung klarmachen musste, dass es mir ernst ist mit dem Ruhestand. Dann zog ich mich tatsächlich zurück, um mehr Zeit mit meinen Kindern zu verbringen. Aber dann zerbrach meine Familie.

ZEIT: 2008 ließen Sie und Ihre dritte Frau, eine Schweizerin, sich scheiden.

Collins: Überhaupt ging viel schief damals. Es ist toll, populär zu sein, und ich bin dankbar für mein Publikum, aber man zahlt einen hohen Preis. Das dämmerte mir, als ich anfing, mehr zu trinken, als mir guttat. Ich trank aus Frust sogar so viel, dass ich beinahe daran gestorben wäre.

ZEIT: Sie wären beinahe gestorben?

Collins: Ja, ich sage das nur so locker daher, weil ich es bis heute eigentlich so gut es geht vermieden habe, mich damit zu beschäftigen. Meine Frau war mit unseren kleinen Söhnen nach Miami gezogen, und ich saß als Vorruheständler allein in der Schweiz mit viel zu viel Zeit. Wer schon mal länger allein und schwermütig vor dem Fernseher gesessen hat, weiß, dass Alkohol in so einer Situation verlockend sein kann. Man fängt langsam an und steigert die Dosis beständig.

ZEIT: Man würde ja denken, die Gefahr des Alkoholismus besteht für einen Musiker eher während seiner aktiven Zeit, nicht im Ruhestand.

Collins: Als ich noch arbeitete, habe ich nie getrunken. Und ich habe früher sehr viel gearbeitet. Ich ging früh ins Bett, damit meine Stimme am nächsten Tag wieder fit ist. Aber ohne Arbeit? Und ohne Familie? Da muss man keine Rücksicht mehr nehmen. Und schwupps, macht man die nächste Flasche auf. Ich sah mich damals auch nicht als Alkoholiker, sondern nur als traurigen Mann, der zu viel trank. Mein Arzt sagte mir dann irgendwann, dass mich der Alkohol bald umbringen würde.

ZEIT: Hat Ihnen vorher keiner in Ihrem privaten Umfeld gesteckt, dass Sie es übertreiben?

Collins: Doch, meine Freundin und das Kindermädchen meiner jungen Söhne. Aber erst, als mein Arzt mir ins Gewissen redete, bekam ich einen Schreck. Aber das ist alles lange her. Jetzt geht es mir fantastisch. Fantastisch. Ich musste dafür allerdings einige Anläufe nehmen. Seit drei Jahren bin ich jetzt trocken. Gut, ab und zu genehmige ich mir mal ein alkoholfreies Bier. Mehr nicht! Ich hoffe, ich nerve Sie nicht mit meinen privaten Turbulenzen, aber ich finde wirklich, dass bei meinem Beruf auch das Private Teil des öffentlichen Bildes ist.

ZEIT: Es ist gar nicht lange her, da galten Sie noch als Inbegriff des uncoolen Musikers. In der letzten Zeit hat sich der Wind erstaunlich gedreht. Neuerdings sagen hippe junge Kollegen wie Lorde oder Florence and the Machine, wie sehr sie von Ihnen beeinflusst wurden. Selbst Rap- und R ’n’ B-Stars wie Kanye West oder Beyoncé preisen Ihre Arbeit. Wie konnte das passieren?

Collins: Ich wurde von Freunden darauf aufmerksam gemacht, dass sich die Dinge ändern, was meinen Ruf angeht. Man hat mir zum Beispiel einige freundliche Rezensionen zugemailt, die mir sonst entgangen wären. Und haben Sie diesen Hollywood-Film The Hangover gesehen? Da singt Mike Tyson In the Air Tonight. Das ist doch unglaublich. Als mir das ein Freund auf YouTube vorspielte, war ich tatsächlich verblüfft. Dann war im Guardian neulich sogar zu lesen, dass ich neuerdings ein "Vater der Popkultur" bin. Herrlich, oder? Aber dann schauen Sie sich im Internet mal die wütenden Kommentare unter solch freundlichen Texten an: Da ist "Fuck Phil Collins" noch harmlos. Auf einen Kommentator, der "Hey, ich mag Phil Collins" schreibt, kommen dreitausend, die pöbeln: "Der alte Wichser soll endlich Ruhe geben!" Aber mit solchen Beschimpfungen lebe ich nun schon so lange, dass sie mich nicht mehr beeindrucken. Was soll ich sagen: Zuletzt kam ich oft ziemlich gut weg. Ich bin jetzt wohl offiziell ein Elder Statesman des Pop.