ZEIT: Sie waren fünf, als Sie Ihr erstes Schlagzeug bekamen. Öffnete sich Ihnen da eine neue Welt, oder ist das nur ein Klischee?

Collins: Tut mir leid, aber ja, das ist leider nur ein Klischee. Ich komme aus einer Familie, in der Musik keine Rolle spielte. Mein erstes Schlagzeug ließ mich relativ kalt. Es war halt nur ein Spielzeug, um Krach zu machen. Das war Mitte der fünfziger Jahre, und es war nicht cool, Schlagzeug zu spielen. Was mich aber wirklich beeindruckt hat: zum ersten Mal die Beatles im Fernsehen zu erleben. Please Please Me. Danach wollte ich Ringo sein, und ich wollte lange Haare. Mein Lieblingsbeatle war trotzdem immer George Harrison, der war so scheu wie ich.

ZEIT: Auf Ihren Soloplatten haben Sie trotzdem ziemlich öffentlich Ihre gescheiterten Beziehungen verarbeitet. Hätte es Ihre Solokarriere nicht gegeben, wenn Ihr Liebesleben harmonischer verlaufen wäre?

Collins: Ha! Ich sehe schon Ihre Schlagzeile: Hätte Phil Collins eine lange, glückliche Beziehung gehabt, wären uns seine Soloplatten erspart geblieben. Das ist Ihr Plan? Oder? Okay, im Ernst: Der einzige Grund für meine erste Soloplatte war tatsächlich meine zertrümmerte erste Ehe. Damals wollte ich Genesis verlassen, um die Beziehung zu retten. Kurz war ich auch raus aus der Band. Als ich zurückkam, war mein Privatleben immer noch ein Scherbenhaufen, und die anderen hatten bereits mit der Arbeit am nächsten Genesis-Album begonnen. Also zog ich mich allein in mein Haus zurück und schrieb Songs über meine kaputte Ehe. Daraus wurde dann Face Value, mein erstes Soloalbum. Wäre meine Beziehung glücklicher gewesen, hätte ich eher eine instrumentale Jazz-Platte veröffentlicht. Und viel mehr wäre nicht passiert.

ZEIT: Haben Sie Ihren Ruhestand jetzt eigentlich offiziell beendet?

Collins: Schwierige Frage. Im vergangenen September habe ich drei Wochen lang mit meiner Band geübt. Am Schlagzeug saß Jason Bonham. Ich habe nur gesungen. Aber dann wurde ich mittendrin krank und musste alles abbrechen. Ich habe auch gemerkt, wie sehr es mich mittlerweile langweilt, meine Hits wie Against All Odds zu singen ...

ZEIT: Ihre eigenen Hits gehen Ihnen auf die Nerven?

Collins: (schweigt lange) Stellen Sie sich mal vor: Es sind nicht nur Kritiker, denen manche meiner allgegenwärtigen Bestseller längst aus dem Hals heraushängen! Wie oft kann man einen Song wie Against All Odds singen, bis er einen nervt? Ja, vor manchen Auftritten habe ich zuletzt einen Blick auf die Setlist geworfen und mich gefragt, ob ich das wirklich alles noch singen will. Ja, ja, es sind gute Songs, und vielen Menschen bedeuten sie etwas. Aber trotzdem ist irgendwann der Punkt in einer Karriere erreicht, an dem man sich entscheiden muss, wie oft man die gleichen Songs wieder aufwärmen mag. Eine sehr komplexe Frage. Billy Joel macht gerade dieses spannende Langzeit-Experiment: Seit Anfang des vergangenen Jahres tritt er einmal im Monat im New Yorker Madison Square Garden auf. Und die Frage ist doch, wer zuerst das Interesse verliert: er oder seine Fans? Eine faszinierende Idee, so etwas Ähnliches könnte ich mir auch vorstellen.

ZEIT: Aber angeblich können Sie doch gar nicht mehr Schlagzeug spielen, weil Ihre Gelenke nicht mehr mitmachen, oder?

Collins: Schwierig. Auf der Genesis-Reunion-Tour 2007 bekam ich Probleme und habe seitdem sehr viele Ärzte konsultiert. Ich hatte es mit den wilden Soloeinlagen am Ende der Show wohl etwas übertrieben. Damals wollte ich noch mal jung sein und wurde mit jedem Abend schneller. Aber ich bin eben nicht mehr jung, und dann machte mein Körper nicht mehr mit. Mein Nacken blockierte und meine Hände waren stillgelegt. Es gab zwar nicht diesen einen Moment, in dem ich "Au!" schrie und alles vorbei war. Aber ich habe gemerkt, dass ich stetig weniger hinbekam. Es dämmerte mir dann, dass ich ein Problem habe. Ich versuchte alles: größere Drumsticks, längere Drumsticks – nutzte alles nichts. Den Genesis-Song Los Endos bekam ich eines Abends am Ende der Tour nicht mehr hin. Ich wurde dann geröntgt, und man entdeckte, dass mein Nacken überlastet war. Ich wurde operiert, was überhaupt nichts brachte. Es folgten mehr Ärzte und weitere Operationen. Es wurde dann zwar etwas besser, aber nicht gut. Die beiden Finger, die beim Schlagzeugspielen für die Balance sorgen, funktionieren nach wie vor nicht.

ZEIT: Das heißt, Sie sind für immer raus?

Collins: Nein! Ich habe nur meine Ansprüche zwangsläufig etwas herabgesetzt. Und seien wir ehrlich, die wenigsten Menschen würden merken, dass mein Spiel eingeschränkt ist.

ZEIT: Also legen Sie bald wieder los?

Collins: Wenn mich mein Publikum zurückwill, dann werde ich mich nicht wehren. Und natürlich ist da noch ein Publikum für diesen "Phil" Collins. Inzwischen habe ich mich ja auch wieder mit Phil Collins versöhnt. 

Im Januar erscheinen Phil Collins’ Solo-Alben "Face Value" und "Both Sides" (Warner) in einer Neuauflage.