Die Unterschiede zwischen links und rechts gebe es heute nicht mehr – das ist eine so beliebte wie unzutreffende Diagnose, vorzugsweise von denjenigen vorgebracht, die heute etwas rechter sind, als sie es in ihrer etwas linkeren Jugend waren. Ähnlich verhält es sich mit einem anderen, ziemlich totgerittenen Klassiker der Kulturkritikkritik: Die Grenzen zwischen Hoch- und Popkultur seien verschwunden – das wiederholen seit vielen Jahren auch die reiferen Superlässigen besonders vehement. Dabei ist doch der Kampf um Anerkennung des Populären seit Jahrzehnten gewonnen, weshalb es stets ein kurioses Schauspiel ist, wenn man sich heldenhaft vor diesen kraftstrotzenden Sieger namens Unterhaltung wirft, als handele es sich um ein zartes Pflänzchen.

Mag sein, dass jüngere studierte Leute heute viel leidenschaftlicher und kenntnisreicher über Rihanna debattieren können als über Wotans verzweifelte Aktionen in Richard Wagners Ring des Nibelungen. Toll finden kann man selbstredend beides – allerdings müsste immer noch jeder, der nicht taub ist, problemlos die Grenzen zwischen beidem erkennen und damit, was künstlerisch durchdachter und gearbeiteter ist, was also – durchaus unterhaltsame – Hochkultur und was bloße Unterhaltung ist. Und das Wort "bloße" macht an dieser Stelle, zugegeben, richtig Spaß.

Konsequenterweise kann heutzutage ein Pianist, der Beethovens Diabelli-Variationen eingespielt hat, nicht mehr danach gefragt werden, warum er dieses Stück so und nicht anders interpretiert hat, sondern danach, ob er auch Hip-Hop hört. Niemand käme hingegen auf die Idee, Kendrick Lamar zu fragen, ob er auch den späten Beethoven hört. Während der popkulturelle Diskurs sich heute vorzugsweise im hermetischen Checker-Milieu entfaltet, müht sich jeder Museumsdirektor mit pädagogischem Begleitprogramm um einen niedrigschwelligen Zugang, als müsste er sich für seine Kunst schämen.

Nirgendwo geht es derzeit elitärer zu als ausgerechnet in den Deutungswettkämpfen populärer Kultur, im Ringen um die jeweils aktuell verbindliche Form. Nichteingeweihte haben weniger Zugangschancen als bei Schönbergs Zwölftonmusik: Die ewigen Distinktionsrituale des "Was geht/was geht nicht?" folgen fein ziselierten Codes zwecks Abgrenzung und Ausschluss, Abweichungen werden geächtet, allerneueste Trends und Tendenzen in einem ausdifferenzierten System unter Einsatz eines theoretisch hochgerüsteten Argumentationsarsenals durchgesetzt. Wenn schon der Gegenstand nicht hochkulturell ist, soll es wenigstens der Diskurs sein. Schade nur, dass man bei dieser Anstrengung zugleich auch noch so locker sein will.