Die Unruhe sei ein "Daseinsgefühl, eine Welt voller Phantasien, voller Verheißungen und Pläne": So sieht es der Kieler Philosoph Ralf Konersmann. Ihre Wucht beziehe sie aus der "geläufigen Prosa des Begehrens", die sich in "Bildern der Erneuerung" ausspreche. Sprechen auch wir es aus: Konermanns Versuch Die Unruhe der Welt ist rasant, gelehrt und anspielungsreich. Eine Wundertüte voller ideengeschichtlicher Betrachtungen, die der Autor dort beginnen lässt, wo alles beginnt: beim Mythos, konkret bei der Vertreibung aus dem Garten Eden. Nach der Überlieferung muss es sich um einen Ort äußerster Gelassenheit, ja interesseloser Langeweile gehandelt haben. Dann kam die Sache mit der Schlange und dem Apfel, und mit der Ruhe war es vorbei. Der Mythos vom paradiesvertriebenen Erdenbewohner war in der Welt. Und mit ihm die Klage über den Verlust eines – wie auch immer noch vorstellbaren – Weltzusammenhangs. Fortan beschäftigt sich die Menschheit mit ihrer Rast- und Ruhelosigkeit, die mal als Problem, dann wieder als Chance, meistens aber als beides zugleich analysiert wurde.

Nun existiert heute eine gewisse Neigung zu Begriffsgeschichten, insofern diese Einblicke in die Entwicklung von Mentalitäten oder Denkfiguren bieten können, die anders nicht zu bekommen sind. Auch Konersmann versucht sich daran, doch ist seine Begrifflichkeit derart Prêt-à-porter, dass er enormen begriffs-, mentalitäts-, ideen- und sonstwie -geschichtlichen Aufwand betreiben muss, um der Rastlosigkeit, dem Vorwärtsdrängen, dem Geschichtsprozess oder schlicht der Entwicklung des Menschengeschlechts beizukommen. Trotz dieses Einwands hält die Lektüre der insgesamt 460 Seiten, von denen allein 130 aus Anmerkungen und bibliografischen Hinweisen bestehen, natürlich jede Menge Wissenswertes bereit. Etwa wenn Konersmann die Kainsgeschichte als Vertreibung II gegenüber Vertreibung I (Paradies) als geschichtskonstitutiv herauspräpariert, denn: "Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein" lautet Gottes Fluch. Während Vertreibung I noch auf Restitution setzt, führe Vertreibung II geradewegs "in die bis dahin unbekannte, ja undenkbare Situation der Entwurzelung und der Ziellosigkeit".

Alsbald zeigt Konersmann, wie es von einer Präferenz der Ruhe zur Präferenz der Unruhe kommen konnte. Anders gesagt: wie die Menschheit lernte, mit der Unruhe zu leben. Der Heroismus der künftigen Unruhestifter à la Descartes oder Bacon wird bis in die illuminierte Zeit der Aufklärung modelliert. Große Taten gehen eben nicht von Besitzstandswahrern aus, sondern von Kulturstiftern. Aber diese, so Konersmann, seien zunächst angetreten, der Unruhe Einhalt zu gebieten – mit mäßigem Erfolg. Das Zeitalter des Wissens, der Fortschrittsgläubigkeit und der damit verbundenen Rastlosigkeit ließ sich nicht mehr aufhalten. Die Unruhe erfährt also spätestens hier eine Umdeutung ins Positive.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Geschichtsbewusstsein, Sprezzatura und disinvoltura als Spielarten adeliger Renaissance-Coolness, Schiller als Freiheitsemphatiker, Hegel als Weltgeisterfahrer der Geschichte: Man könnte ewig so weitermachen und dabei zusehen, wie sich das anfänglich diffuse Gefühl zum sicheren Wissen darum verdichtet, es mit einer Universalfragestellung zu tun zu haben, die zugleich nirgendwo und überall hinführt. Das Verhältnis von Lektüreaufwand und Erkenntnisertrag gerät dabei unweigerlich aus den Fugen. Selbst der Autor stimmt im Klappentext zu: "Denn die Unruhe ist weder bloß Subjekt noch bloß Objekt, sie ist weder Innen noch Außen, weder Mittel noch Zweck, sondern jederzeit beides zugleich." Man wird etwas unruhig bei so vielen Möglichkeiten. Deshalb wollen wir lieber verschnaufen und es mit Meister Eckhart halten, der seinen Zeitgenossen riet, zunächst "sich selbst lassen", dann nämlich hätten sie "alles gelassen". Zur großen Kulturtheorie will sich die Unruhe einfach nicht ruhigstellen lassen.