Da war es wieder, dieses bübische Lachen. Als ihn der Moderator des Westschweizer Fernsehens fragt: Sind Sie der neue Christoph Blocher? Da kann er nicht anders, als über den Vergleich mit dem Übervater der Schweizer Rechtspopulisten zu lachen. Dann sagt er: "Je suis Roger Köppel."

Der Journalist und Verleger Roger Köppel steht mit 50 Jahren auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Der Mann, den deutsche Talkshow-Redaktionen lieben, weil er für Provokation und Quote sorgt – er selber würde sagen, weil er ausspricht, was viele Deutsche denken, aber nicht öffentlich zu sagen wagen. Dieser Mann also wurde am Sonntag für die Schweizerische Volkspartei (SVP) ins Parlament nach Bern gewählt. Mit einem Glanzresultat, wie es noch nie in der Geschichte des Landes ausgezählt wurde.

Ein Bub aus Kloten, einer kleinbürgerlichen Zürcher Vorstadt, ist der neue Schweizer Politik-Star. Der Büchermensch und Quereinsteiger hat nicht nur eine hemdsärmlige Volkspartei von sich überzeugt, sondern weit über die Parteigrenzen hinaus Stimmen gesammelt.

Am Anfang dieser Karriere stand ein Interview mit Christoph Blocher, dem Multimilliardär und Volkstribun. Im Jahr 2000 diskutierten die beiden über militärische Führungstechniken. Köppel, Sohn einer Sekretärin und eines Bauunternehmers, hat ein Faible für erfolgreiche alte Männer. Da wird der sonst so laute Köppel leise, regelrecht unterwürfig. Typen wie Putin und Berlusconi faszinieren ihn.

Köppel studierte Philosophie, schrieb später als Sportredakteur bei der NZZ und als Kulturredakteur beim Tages Anzeiger. Als er 2001 auf den Chefsessel der Weltwoche kam, drehte er das sozialliberale Traditionsblatt nach rechts; und später, nach einem Ausflug zur Welt nach Berlin, auf einen nationalkonservativen Kurs. Staatsfeindlich, wirtschaftsfreundlich, schrill und laut. Heute ist Köppel nicht nur Chefredakteur, das Magazin gehört ihm auch.

Der SVP Christoph Blochers ist die Weltwoche in vielfältiger Weise verbunden. Nicht erst seit ihr Chef im Februar seinen Parteibeitritt öffentlich bekannt gab. Seit 2011 sitzt ein Weltwoche-Redakteur im Nationalrat. Köppel selbst referiert regelmäßig auf SVP-Veranstaltungen, wo sein Magazin ausliegt; Parteimitglieder erhalten günstigere Abos. Doch die Loyalität des Blatts gilt weniger der Partei als Christoph Blocher. Immer wieder tanzen der SVP-Magnat und der Chefredakteur ein Pas de deux, werden Abweichler aus den eigenen Reihen öffentlich gemaßregelt. Auch vor den jüngsten Wahlen.

Noch schlimmer geht es den politischen Gegnern. Wer die Köppel-Weltwoche-Meinung zu Volksrechten oder zur EU nicht teilt, der ist ein "schäbiger CH-Intellektueller", ein "Totengräber der Demokratie" oder gleich Teil einer "Verschwörung gegen die Schweiz". Was die SVP unter Blocher in die Politik einführte, machen Köppel und seine Weltwoche im Journalismus: Tabus brechen im Ton des Besserwissers.

Nun geht Köppel also in die Politik. Er tue das nicht, weil er wolle, sagt Köppel. Sondern weil es sein "Auftrag" sei. Genau so spricht Christoph Blocher. Noch ein Jahr zuvor sagte Köppel: "Im Moment ist meine Wirkung größer, wenn ich mich als unabhängiger Journalist für die Schweiz einsetze."

Zum Politiker muss er allerdings erst noch werden. Als Podest- und Kanzelredner ist er mäßig. Da wirkt vieles inszeniert, angestrengt. Er mimt den Bodenständigen, den Volksversteher.

Aber als Talkshow-Gladiator ist er unschlagbar. Auch vergangenen Montag, am Tag nach der Wahl. Das Schweizer Fernsehen lädt eine Runde neu gewählter Promis ins Studio, darunter Roger Köppel und Tim Guldimann, ehemals Schweizer Botschafter in Deutschland. Was als nette Plauderei gedacht ist, menscheln sollte, nutzt Köppel. Er reißt das Ruder an sich. Greift den Sozialdemokraten Guldimann an, rattert seine Parolen herunter. In der direkten Konfrontation lebt Köppel auf. Dabei beweist er oft Humor, manchmal auch Selbstironie – immer wieder untermalt von diesem Lachen, das ihn spontan überfällt.

Vor allem aber schafft es Köppel, seine Argumentation mit Werten zu verbinden, die viele teilen, im Grunde auch die meisten seiner Gegner: Selbstbestimmungsrecht der Völker, Asyltradition der Schweiz, Europa der Nationen, Demokratie, Unabhängigkeit und ein Schuss Anarchie. Köppel dreht das einfach anders. Er spricht bildhaft, in giftigen Wortkonstrukten. Die deutsche Bundeskanzlerin wird bei ihm zur "Schlepperkönigin Merkel". Er sagt: "Wir können nicht ganz Afrika in Europa aufnehmen." Über das Bild eines überfüllten Flüchtlingsbootes, das als Symbolbild für Europas Versagen durch die Medien ging, setzt er in seinem Blatt die Schlagzeile: "Afrikas Schuld".

Was Köppel im Nationalrat tatsächlich bewegen kann, ist unklar. Die einen sehen ihn bereits kaltgestellt, unter Aktenbergen begraben. Andere halten ihn für den Einzigen, dem Blochers Nachfolge zuzutrauen sei. Köppel selbst sagt: "Es ist ein Charaktertest für mich."