Köpfe einrollen

Ich werde momentan mit Hunderten von Köpfen konfrontiert.

Nebeneinander, übereinander hängen sie, friedlich auf der

gleichen Plakatwand oder vereinzelt an Bäume und

Scheunenwände genagelt.

Jetzt muss ich meine Physiognomie-Kenntnisse abrufen.

Was bedeuten ein zurückversetztes Kinn, große Ohren, schmale

Lippen, eine Nase mit einem Höcker oder eine Stupsnase usw.? –

Vieles ist unklar. Ich muss mich ins Fachwissen vertiefen,

bald ist Wahltag!

Wie soll ich wissen, was die mir ins Gesicht lachenden Köpfe aussagen,

was sie im Hinterkopf haben, das dann zur Anwendung kommt,

falls sie mal am Ruder sind – nirgends stehen ihre politischen Geistesblitze!

Ich werde langsam nervös.

Lachen mich die Köpfe nur an, weil sie sagen möchten:

"Warte nur, wenn du mich gewählt hast, dann wirst du meine

ehrliche Absicht erfahren, dann wirst du nicht mehr lachen!"

Oder: "Ich lächle doch, ich bin doch ein gutmütiger Typ, Politik ist

nicht so ernst zu nehmen."

Ehrlich, diese Köpfe machen mich seit Wochen nervös.

Dann, plötzlich ist die Wahlschlacht vorbei, die Köpfe werden

eingestampft, Kompost. Es gibt noch die Überlebenden, die Plakate,

die noch wochenlang einsam auf einer Wiese

stehen oder an der Scheunenwand kleben bleiben. Die Farben

durchs Sonnenlicht verblasst. Hoffentlich keine Parallele zu den

politischen Vorsätzen.

Was ganz sicher übrig bleibt, sind meine neuen physiognomischen

Kenntnisse. Die kommenden vier Jahre werden sie bestätigen.

Hinweggefegt

Dem schweizerischen Isolationismus ist der gleiche Weg beschieden wie dem Bankgeheimnis: Er ist jahrzehntelang nicht verhandelbar – und wird dann binnen Wochen aus historischer Notwendigkeit hinweggefegt.


Bärfuss, Verräter!

Die Demokratie hat die Demoskopie bestätigt: ein Sieg für die politische Marktforschung. Warum nicht gleich so? Hätte uns doch die Mühe der Wahl erspart. Ihr Ausgang hat die Haartracht des Landes nachfrisiert, der Scheitel liegt jetzt weiter rechts. Dafür sind rechts auch Köpfe gefallen, die ich in Bern mühelos entbehren kann, und links vielversprechende nachgewachsen, besonders in meiner Zürcher Umgebung. Köppel for President, und ein SP-Gesandter aus Berlin: Da behält Hegels "Liste der Vernunft" ihre Chance, sogar im Nationalpark der Igel und Stachelschweine. Keine Chance hatte die Liste "Kunst und Politik" einiger tapferer Kolleginnen; das wussten sie so gut wie ihre Handvoll Wähler. Lukas Bärfuss aber wusste schon vorher am besten, was mit der Schweiz wirklich los ist. Und sagt es einer deutschen Zeitung weiter, der Verräter! Soll unser Land, nachdem Bankgeheimnis und Fifa aufgeflogen sind, gar keine Diskretion mehr nötig haben? Hütet euch am Morgarten! Wenn da einer meint, er müsse die Schweiz auch für andere lesbar machen: nur nicht lesen, gleich draufhalten! Wer hat Martin Salander gelesen? Oder die Schweizerische Bundesverfassung? "Dass frei nur ist, wer seine Freiheit gebraucht" – da könnte jeder kommen! "Man soll die Stimmen wägen und nicht zählen" – sagte Schiller? Aber nicht im "Tell"!

Von einer Volksherrschaft wäre es auch zu viel verlangt. Von einer Republik, der man immer noch eine Zukunft wünscht, vielleicht nicht.


Gewählt

Jean Claude (Name geändert) ist deprimiert. Er ist ins Parlament gewählt worden. Er könnte in Tränen ausbrechen bei der Vorstellung, die nächsten Jahre mit den von jeglichen Sachkenntnissen unbeschwerten Parteikollegen in Kommissionen und Arenen zu verbringen. Dabei hat er sich nur auf die Liste setzen lassen, um seinem IT-Betrieb auf die Sprünge zu helfen. Bei keiner Hüpfburg-Aktion hat er mitgemacht. Hat niemanden mit Telefonaten belästigt. Hat keine Titelseite gekauft. "Du erntest vielleicht Aufmerksamkeit, aber Respekt bringt’s dir nicht ein." Mit ein paar altmodisch-analogen Flyern hat er seinen Wahlkampf führen lassen.

Die überzähligen Flyer (J. C. steht ein für Eigenverantwortung und Lösungsorientierung) rattern durch den Aktenvernichter, und Jean Claude denkt an die 60 000 Franken Einkommen und 50 000 Spesenentschädigung, die er nun absitzen und reinfressen muss. Lasst mich doch einfach arbeiten! Meinen Beruf ausüben und Applikationen entwickeln! Seine Computerprogramme eHeirat und eRente vereinfachen der Bevölkerung den Alltag, und momentan brainstormt er über den eTod, um ihr auch das Ableben zu erleichtern. Doch nein! Nun gilt es, sich eigenverantwortlich dem Sabbatical im Bundeshaus anzunehmen, denn: Ein Mann wie J. C. wartet nicht auf Anweisungen, sondern ergreift selbst die Initiative.

"Ich komme zurück!", ruft Jean Claude schwermütig, aber lösungsorientiert, den Kollegen im Büro zu. Ohne von ihren Computern aufzusehen, heben sie die Daumen.


Hundsvarianten

Wo e Willy isch,

isch ou e Wäg,

wo e Willy isch,

isch ou e Wortgwaut,

wo e Willy isch,

isch ou e Wachhundmentalität,

wo e Willy isch,

isch ou e Wäutwuche,

wo e Willy isch,

isch ou e Wohnrächtsverweigerig,

wo e Willy isch,

isch ou e Wirtschaftsmacht,

wo e Willy isch,

isch ou e Wauhkampfkasse,

wo e Willy isch,

isch ou e Wanderstopp,

wo e Willy isch,

isch ou e Wuetbürger,

wo e Willy isch,

isch ou e Wahnsinn,

wo e Willy isch,

isch ou e Wundergloube,

wo e Willy isch,

isch ou e Würklechkeitsverzerrig,

wo e Willy isch,

isch ou e Wouhhabende,

wo e Willy isch,

isch ou e Wäutverdruss.

Ach Politik!

Und wieder einmal ist eine Wahl vorbei. Die Verlierer schmollen, die Gewählten jubilieren und dürfen in Bern einziehen – doch werden sie das, was sie auf ihren schrecklichen Wahlplakaten versprachen, auch einhalten? Ich zweifle daran. Meine Feldstudie zu den Volksvertretern im lukrativsten Nebenamt der Schweiz. Es ist in der Politik wie überall auf diesem Planeten: Ein paar wenige Unerschrockene, standhafte Protagonisten setzen sich wirklich für das Wohl des Landes ein, packen die heißen Eisen an und kämpfen gegen Missstände an. Ach Politik, du Schwein, fällt mir dabei ein, wie lieb ich dich. Oder, um es mit dem portugiesischen Dichter Eça de Queiroz etwas metaphorischer zu sagen: "Politiker sind wie Babywindeln: Früher oder später stinken sie alle." Ich mag ihm heute nicht widersprechen.


Demokratie

Demokratie ist kein Gerechtigkeits-, sondern ein Friedensprinzip.

Wer damit Mühe hat, dass das Volk wählt, wen es will, hat Mühe mit der Demokratie.

Wer sich weigert, den Bundesrat gemäß Wählerwillen zusammenzusetzen, ist kein Demokrat.

Wer nicht akzeptiert, dass Menschen unterschiedliche Meinungen haben, verfügt nicht über die Grundvoraussetzung, um das Wesen der Demokratie zu verstehen.

"Läck du mir"

Läck du mir", denkt sich die Urne. Sie reibt sich den Bauch. Sie räuspert sich, denkt nach und stellt wie an jedem Wahlsonntag nüchtern fest: Am vereintesten ist das Volk am Abend nach dem Urnengang. Dann, wenn jeder Einzelne sich drüber aufregt, wie gespalten er doch ist.

Meinungen sind flüchtig

Es gäbe wirklich Dringendes zu tun. Doch wenn nun schon wir Schriftsteller kraftmeiern, trivialisieren, Tatsachen verdrehen und dämonisieren, wie man es bisher nur der SVP nachsagte, wenn Scharen dazu "Ja!" schreien und "Hurra, ein Linksintellektueller!", ging ganz offenbar vergessen, dass wir keinen Schritt weiterkommen, solange die Politik als Kampf verfeindeter Lager gesehen wird.

Was schmerzlich fehlt, sind Köpfe, die scharf und klug debattieren, ohne dabei den Respekt vor Andersdenkenden zu verlieren. Köpfe, die allen Menschen gleich begegnen, nämlich als Menschen auf der Suche, nicht als Genossen oder Feinde, und die bei aller Engagiertheit Gelassenheit, Geduld und Humor nicht verlieren. Selbst Zärtlichkeit hätte Platz. All das ist wichtiger als das politische Etikett. Meinungen sind flüchtig, menschliche Größe nicht. Und solange unser Wohlwollen nicht wirklich jedem einzelnen Menschen gilt, bleibt alle humanistische Attitüde Heuchelei.

Rechtsrutsch im Heidiland

Die Atomkraftwerke fliegen uns nächstens um die Ohren, abstellen kommt zu teuer. Die Gletscher schmelzen, und die Arktis furzt unkontrolliert Methan in die Wachstumsblase. Der Krieg steht vor der Türe, und die große Völkerwanderung kommt erst noch. Rechtsrutsch im Heidiland, irgendwie putzig. Ein paar Sachzwangsverwalter von Blochers Gnaden mehr im Nationalrat. Die meinen, sie wären in der Krise und nicht die Kriegsflüchtlinge. Fazit: Nichts ändert sich, alles wird schlimmer.

Die Stimme erheben

Die Mehrheit der Schweizer Stimmberechtigten – 51,6 Prozent – hat nicht gewählt. Sie partizipiert mit ihrer Passivität am Rechtsrutsch. Das Volk. Ein Viertel der Schweizer Wohnbevölkerung sind "Ausländer"; sie hätten vielleicht gern gewählt, konnten aber nicht, weil sie vom Stimm- und Wahlrecht ausgeschlossen sind. Das Volk? Die Schweizerische Volkspartei, die "strahlende Siegerin" der Wahlen, wird weiterhin dafür plakatieren, dass jene, die wählen, verhindern, dass "die anderen" wählen können.

"Rechtsrutsch" bedeutet, dass sich eine Politik der Widersprüche verschärfen wird. Seit Jahren diffamiert die SVP die Ausländer; ausländische Steuerflüchtlinge hingegen lockt sie in die Schweiz, indem sie die Lohn- und Steuerdumpingpolitik der Kantone unterstützt. Die SVP ist neoliberal und nationalkonservativ – da müssen alle rhetorischen Kniffe aufgeboten werden, um das "glaubwürdig" miteinander zu verbinden. Ihre aggressive Wirtschaftspolitik begünstigt die Reichen, nicht etwa das einfache Volk. Seit Jahren tobt der Milliardär von Herrliberg gegen "die da oben", die Regierung in Bern; genauso lange haben die Partei und ihre Parteisoldaten mit beispielloser Beharrlichkeit daran gearbeitet, ihre Macht auszubauen – die ökonomischen Mittel dazu waren und sind unbegrenzt; respektable Zeitungen wurden zu Parteiorganen umfunktioniert etc. etc. Der eklatanteste Widerspruch ist jener zwischen Demokratie und Imitation der Demokratie; die SVP nutzt demokratische Verfahrensweisen, um antidemokratische Inhalte durchzusetzen.

Es ist notwendig, diese Widerspruchspolitik zu entlarven und ihr eine eigene, glaubwürdige Politik entgegenzustellen. Lasst uns die Stimme erheben – auch im Namen derer, die nicht zum "Volk" und zum "Stimmvolk" gehören!

Gibt es Hoffnung?

Gibt es Hoffnung?

Es gibt die Hoffnung bis zum letzten Atemzug. Darauf insistierte Navid Kermani am Schweizer Wahlsonntag in seiner bewegenden Dankesrede zum Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und führte am Beispiel eines in Syrien vom IS entführten Paters an, was er für eine grundlegende Voraussetzung eines denkenden Menschen hält: das Eigene, den eigenen Standpunkt, die kulturelle, religiöse, politische Zugehörigkeit kritisch zu beleuchten und diejenige des Gegenübers zu verteidigen, möge sie einem noch so fremd oder gar befremdlich erscheinen.

Was ich der Schweiz wünsche: Dass wir alle, ob gewählter Politiker oder Mitbürgerin, In- oder Ausländerin, uns wie denkende Menschen verhalten. Und dass wir dabei die Hoffnung nicht verlieren.

Einmal mehr

Einmal mehr haben sie das Vollsein des Bootes ausgerufen.

Einmal mehr haben wir ihnen geglaubt.

Einmal mehr werden wir uns dafür schämen.

Trotz allem

Wir Wählerinnen und Wähler sind keine abgeklärten, nur von der Vernunft geleiteten Individuen. Wir sind geschüttelt von Ängsten, getrieben von Hoffnungen, gebeutelt von Unsicherheiten und vergiftet von Ressentiments.

Da ist es doch erstaunlich, dass die Demokratie, die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind (Winston Churchill), einigermaßen funktioniert.

Trotz der Überzeugungskraft des großen Geldes, trotz der Untergangsbeschwörungen selbst ernannter Volksversteher hält sich der sogenannte Rechtsrutsch in Grenzen.

Das, obwohl die realen und fantasierten Ängste wegen der Flüchtlingsproblematik geschürt und bewirtschaftet wurden.

Bei aller persönlichen Skepsis glaube und hoffe ich, dass sich in der Demokratie doch immer wieder die Vernunft durchsetzt.