Kennen Sie Walter Eglin? Falls nicht, sind Sie bei den Leuten. Der beliebte Künstler, gelebt hat er von 1895 bis 1966, ist heute fast völlig vergessen. Damals hingegen waren die Mosaike, die er aus Steinen aus der unmittelbaren Umgebung im Oberbaselbiet schuf, weit herum bekannt. Eines der größten ziert bis heute den Eingang der Universität Basel; die ausgerechnet von seinem Heimatkanton Baselland unschön attackiert wird. Ebenso beliebt waren Eglins Holzschnitte. So filigran, wie man es sonst eher von Scherenschnitten kennt. Mit dem feinen Unterschied, dass sie nicht einfach schwarz-weiß sind.

Sie unterscheiden sich damit erheblich von den politischen Befehlstönen, wie wir sie seit dem vergangenen Sonntag vernehmen.

Vordergründig geht es um zwei Bundesratssitze für jene Partei, die am meisten Sitze im Nationalrat hinzugewonnen hat. Sie darf die 50. Legislatur mit drei Sitzen mehr als vor acht Jahren bestreiten.

Nun liegt es im Wesen der Konkordanz, die maßgeblichsten Kräfte in die Regierung einzubinden. Damit hat niemand Mühe. Das Bild, das unser Bundesrat dann abgibt, ist ausgeglichen, weist wie ein guter Eglin-Holzschnitt "allergattig" Schattierungen und Feinheiten auf – und entspricht damit unserem Land. Nur: Die Partei, die so lautstark zwei Sitze für sich einfordert, will das gar nicht. Sie möchte die Deutungshoheit über den gesamten Bundesrat. So, wie sie für sich beansprucht, als einzige zu wissen, was schweizerisch sei – und was nicht. In knallhartem Schwarz-Weiß.

Was das heißt, das weiß, wer den Kalten Krieg erlebt hat und sich an die Machtdemonstrationen des Bürgerblockes erinnert. Das Stichwort lautet: "ungeteilte Standesstimme". Will heißen, beide Ständeratssitze gehen ins gleiche Lager. Nun wird der Ständerat ja in den meisten Kantonen im Majorzsystem gewählt: Es braucht für einen Sitz mindestens die Hälfte aller Stimmen. Das haben sich die Bürgerlichen während Jahrzehnten zunutze gemacht und ultimativ die "ungeteilte Standesstimme" propagiert. Es war nichts anderes als der Kampf um die Frage, was für einen Kanton gut oder schlecht sei.

Nicht auszuschließen, dass wir bald Ähnliches mit dem Bundesrat erleben. Die SVP kann aufgrund ihrer Stärke im Nationalrat die FDP als "weichsinnige" Juniorpartnerin behandeln, eine "ungeteilte bürgerliche Stimme" im Bundesrat fordern und die gesamte Landesregierung dominieren. Schon heute lässt die Partei keine Zweifel daran, dass nur sie weiß, was bürgerlich ist. Es ist kein Zufall, dass sich Rechtsnationale konsequent als "bürgerlich" bezeichnen, seit der plumpe Umarmungsversuch gescheitert ist, sich als "Freisinn blocher’scher Prägung" zu etablieren. Und sie wissen angeblich immer ganz genau, was "das Volk" will – und was nicht.

In alldem zeigt sich kein konkordanter Ausgleich, sondern eine The winner takes it all- Mentalität. Sozusagen die Europäisierung der Schweizer Politik.

Allerdings haben gut 70 Prozent "des Volks" nicht der SVP ihre Stimme gegeben. Sie wollen keinen Bundesrat, der dem Parlament Lösungen vorschlägt, hinter denen nur 30 Prozent stehen können – sondern mehrheitsfähige. Und sie wollen ein Parlament, das die Vorlagen so berät, dass die Entscheide auch vor der Bevölkerung bestehen. Als die SVP von 2003 bis 2007 einen zweiten Bundesrat hatte, herrschte in der Regierung Dauerkrieg, die großen Reformen stürzten an der Urne dramatisch ab. Die Politik zwischen Parlament, Bundesrat und Volk war blockiert.

Wahlkampfsprüche dürfen schwarz-weiß sein. Eine Politik, die Land und Leute wirklich vorwärtsbringen soll, hingegen nicht.