Der Betrug um die Abgaswerte von VW-Motoren hat bei Weitem mehr beschädigt als nur das Vertrauen in den Automobilkonzern. Das wahre Ausmaß der Lügen und Tricksereien war noch nicht einmal bekannt, da fürchteten einige schon um das Ansehen der deutschen Industrie als Ganzes. Es ist gewiss auch kein Zufall, dass aufgescheuchte Journalisten inzwischen dem Deutschen Fußball-Bund ohne Weiteres zutrauen, die Weltmeisterschaft seinerzeit durch Bestechung und Korruption ins Land geholt zu haben. Der traditionelle Glaube an die Rechtschaffenheit deutscher Manager und Funktionäre ist weitgehend zerstört.

Und wie könnte es anders sein? Noch ist die Erinnerung an die unglaublichen Schiebereien und Börsenmanipulationen der Deutschen Bank nicht verblasst, die von dem einstmals wie in Erz gegossenen Denkmal deutscher Solidität nur eine moralische Ruine übrig gelassen haben. Einige ihrer Führungsfiguren stehen weiterhin vor Gericht. Auch dem Allgemeinen Deutschen Automobil-Club – der Name schwebt wie ein Signet des Verfalls über einer ganzen Industrie – sind die Wahlfälschungen nicht vergessen, die zur Auszeichnung von Automodellen mit dem Gelben Engel führten. Dass der zuletzt betrügerisch ermittelte Gewinner ausgerechnet ein VW Golf war, macht den Vorgang im Rückblick noch bitterer. Der Eindruck: Da haben sich zwei Halunken gegenseitig gestützt.

Vielleicht ist die innige Beziehung zwischen VW und dem Automobil-Club überhaupt ein guter Schlüssel zu dem eskalierenden Vertrauensverlust. Es wurden ja nicht nur die Preiswahlen zugunsten von VW gefälscht, es gewannen seit Menschengedenken auch in den Autotests auf wunderbare Weise Modelle von VW, und zwar insbesondere, wenn sie gegen ausländische Autos antraten. So gut konnte offenbar nirgendwo in der Welt ein Auto gebaut werden, dass es nicht am Ende in den Augen der ADAC-Tester neben einem VW jämmerlich aussah. Falls in der Testkonkurrenz ausnahmsweise kein VW zur Verfügung stand, wurde meist ein anderer deutscher Sieger gefunden. Äußerstenfalls wurde der höhere Preis des heimischen Produkts bemängelt.

Man fragt sich im Rückblick, warum dies nicht auffiel. Aber wahrscheinlich fiel es auf – nur nicht als Voreingenommenheit, sondern als gern gesehene Bestätigung eines undurchschauten Vorurteils: dass deutsche Waren zwar ihren Preis haben, jedoch an Solidität und Verlässlichkeit dem ganzen Rest der billig zusammengeschusterten und pannenträchtigen Weltproduktion weit voraus sind. Der ADAC, nach Umfragen ehemals die vertrauenswürdigste Institution der Deutschen, und der VW-Konzern, nach Publikumszuspruch die solideste Firma der Nation, bestätigten sich gegenseitig in ihrem nachgerade moralischen Überlegenheitsanspruch, und beide zusammen formulierten für die deutsche Industrie noch einmal einen Hegemonialstatus, der in der Politik seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zu holen war.

Zerstört ist das Selbstbild der Nation als unbeholfen, aber ehrlich

Nun ist es ein offenes Geheimnis, dass die Reste des angeschlagenen deutschen Nationalstolzes sich in den Produktstolz hinübergerettet haben. Das begründet aber noch nicht die Gefährlichkeit der Selbstberauschungsdroge und auch nicht die Dramatik des Absturzes, nachdem sich der Cocktail als gepanscht und giftig herausgestellt hat. Was waren seine Bestandteile? Es war nicht nur die Qualität der deutschen Waren, ihre Langlebigkeit und Verlässlichkeit (amerikanische Produkte können auch sehr schwer und solide sein), es war die selbstgewisse Überzeugung, dass sich in den Produktqualitäten moralische Qualitäten niederschlugen. Die guten deutschen Waren waren Zeichen des guten deutschen Charakters. Man litt nicht darunter, dass sie oft plump und bieder, gerade Autos von VW niemals elegant oder extravagant oder auch nur charmant waren. Im Gegenteil sah man im etwas Muffigen, betont Unaufregenden und Sachlichen den Kern eines Wesens, das nie mehr verspricht, als es halten kann.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Dagegen die italienischen oder französischen Aufschneider im Automobilbau! Außen hui, innen pfui. Gleißende Betrüger. Die uralte Gedankenfigur der welschen Tücke (Welschland war der alte Sammelname für Italien und Frankreich) kehrte im verächtlichen Umgang mit den betörend schönen oder verblüffend exotischen Automodellen der Nachbarn wieder. Man brauchte keinen Test, um zu wissen, dass sie die Pannenstatistik anführen würden. In den Tiefen des deutschen Kollektivgedächtnisses lag die Einschätzung der europäischen Konkurrenten, durch Kriege und Kulturkämpfe der Vergangenheit geformt, immer schon bereit. Verführerisch war die Lebensart der Franzosen, Italiener, auch Engländer, aber verkommen, unehrlich und verdorben.

In den Jahrhunderten, in denen sich Deutsche auf dem europäischen Parkett als unbeholfen, plump und ungeschickt erlebten, den höfischen Finessen wenig gewachsen, wurde aus dem Unterlegenheitsgefühl eine moralische Überlegenheitsvermutung: die deutsche Eiche, knorrig und krumm gewachsen, aber standhaft und hart. Doch während das Klischee in dieser Offenheit nach dem Krieg der Lächerlichkeit verfiel, formulierte es sich mit dem Siegeszug der deutschen Industrie noch einmal neu. Die Deutschen spiegelten sich nicht mehr in ihrer Landesnatur, sondern in ihrer Warenwelt, und wie ihre anerkannt zuverlässigen Waren, so begriffen sich die Deutschen abermals: als zuverlässig, rechtschaffen und treu.