Marat ist tot. Wer dabei an die Französische Revolution, Charlotte Corday und Peter Weiss’ oratorisches Aufklärungstheater denkt, wie es dem westeuropäischen Bildungsbürger naheläge, ist auf dem Holzweg. Dieser Marat hier stammt aus dem Kaukasus. Er hielt sich für einen Muslim, weshalb er in der Osternacht nicht in der Kirche war wie ein Großteil der übrigen Einwohner von Charkiw. Als er in Gummischlappen zum Kiosk ging, Zigaretten holen, wurde er abgeknallt.

Das war kein heldenhafter Tod im Dienst irgendeiner Revolution oder sonst einer höheren Sache, auch wenn das Detail mit der Osternacht der Geschichte ein diskret metaphysisches Element unterstellt.

"Marats Tod war wie sein Leben – unlogisch und geheimnisvoll", bemerkt Iwan, ein Freund des Toten. Zusammen mit anderen Freunden und deren Freunden, Geliebten, Nebenbuhlern und Geschäftspartnern, mit Verwandten und Nachbarn sitzt er vierzig Tage nach dem Mord zusammen, isst, trinkt und redet über den Toten. Allerdings soll es nur Gutes sein, was nicht zu irgendeiner Art der Wahrheitsfindung beiträgt.

Serhij Zhadan, der Autor dieses romanhaften Erzählzyklus Mesopotamien über die Stadt Charkiw und seine Bewohner, interessiert sich wenig für Erklärungen, Aufklärungen, Begründungen. Iwans Bemerkung ist Zhadans erzählerisches Programm: Ihn interessiert das Resträtsel, das jede noch so offenkundig gescheiterte Existenz enthält; der Rest Hoffnung, der den Alltag überlebt, und der Rest Liebe, der Männer und Frauen davor bewahrt, sich selbst und einander endgültig zu ruinieren.

Unlogisch und geheimnisvoll sind alle diese Geschichten: die vom ausgebrannten Journalisten, von der schönen Krankenschwester, vom verliebten Muttersöhnchen, vom kriminellen Kleinhändler und von vielen, vielen anderen in diesem fruchtbaren literarischen Zweistromland, in Zhadans Mesopotamien.

Es sind Geschichten wie Balladen, mit gefühlvollen Sonnenaufgängen und endlosen Abenddämmerungen, mit geistigen Getränken, mit Einsamkeit und Zweisamkeit. Und im Hintergrund dröhnt die Stadt in einem Dauergeräusch latenter Bedrohung und wuselnder Lebendigkeit.

Zhadan lebt selbst in Charkiw und stammt auch aus der umkämpften und vorwiegend russischsprachigen Ostukraine. Er schreibt aber auf Ukrainisch, in einer poetischen Sprache voller Kraft und Klang, die davon profitiert, dass er nicht nur Erzähler und Dichter, sondern auch Musiker ist. Seine Worte – zarte, schmerzlich süße, schnoddrige – setzt er mit feinem Gespür für Melodie und Assoziation.

Ähnlich zartfühlend behandelt er seine Figuren: mit Respekt für ihre Gefühle, mögen die noch so verworren oder lächerlich sein. Es handelt sich nämlich bei sämtlichen neun Geschichten dieses Zyklus um Liebesgeschichten, auch wenn Gewalt, Verrat und Enttäuschung eine große Rolle spielen.

Wenn, zum Beispiel, der halbseidene Geschäftsmann Fima sich in einer Sportbar (die einem verurteilten Mörder gehört) in Gesellschaft von armen Arabern und Alkoholikern zum dritten Mal die Konserve eines Fußballspiels ansieht, dann liegt es an der neuen Kellnerin, die früher Prostituierte war. Oder es immer noch ist. Fima gesteht sich natürlich nicht ein, dass er verliebt ist, aber sein Autor verrät ihn in einem träumerischen inneren Monolog, der vom Nachdenken über Moral in exotische, irgendwie mesopotamische Fantasien gleitet: Frauen, die gegen Morgen auf weinumrankten Terrassen über Gesänge und Astronomie reden, das Wetter der nächsten Tage voraussagen und dabei süßen Rum trinken.

Oder wenn es, nach einer nicht anders als metaphysisch zu bezeichnenden Ansprache eines Bandenführers über Schuld und Liebe, am Ende lapidar heißt: "Es blieben Benzinflecke zurück, in denen sich der versengte Augusthimmel spiegelte."

Waren das nun Kriminelle, waren es Engel, waren es Teufel?

Die selbsterklärenden Kategorien, die erzählerische Ökonomie und die logische Dramaturgie, die wir aus der angloamerikanischen Erzähltradition übernommen und zu ästhetischen Leitlinien erhoben haben, gibt es hier nicht.

Zhadans Buch gehört in einen anderen Kontext: den der wunderbar wilden Odessa-Geschichten von Isaak Babel und der kunstvollen Grotesken seines Landsmanns Gogol. Nicht der Geschlossenheit ist diese Art des Erzählens verpflichtet, sondern der Überraschung. Die immer auch eine böse Überraschung sein kann.

Es gibt in Zhadans Geschichten kein Ende. Marat ist tot, aber das wusste man ja schon von Anfang an. Was bleibt, ist das Geheimnis seiner Existenz irgendwo zwischen Gemeinheit und Größe.