In den uralten Zeiten vor Smartphone und Online hätte sich der Kritiker in der Pause in die Telefonzelle gezwängt, um knappen Wortes die Stadtausgabe zu erwischen, die um 22 Uhr zumacht: "Premiere von Tony Kushners Engel in Amerika im Thalia: ein aus der Zeit gefallenes Stück, aber glänzend inszeniert. Ausführlicher Bericht morgen."

Als Engel 1993 am Broadway uraufgeführt wurde, war’s der perfekte Skandal. Da hatte ein schwuler Autor, Jude und Lenin-Verehrer obendrein, ein (buchstäblich) halluzinatorisches Drama über Aids, Homosexualität, Liebe, Verrat und Tod in der Reagan-Ära geschrieben, in dem Engel vom Himmel fielen und Tote auferstanden. Es wimmelte von F-Wörtern, ohne die heute keine TV-Serie auskommt. Es knutschten sich die Jungs, brave straights entpuppten sich als "Perverse". Heute gehören Nacktheit, Männerliebe und Brutalo-Sex zum Standardrepertoire, das keinen mehr aus dem Stuhl katapultiert.

Aus der Zeit gefallen ist auch das Sujet. Aids, 1982 offiziell als Acquired Immune Deficiency Syndrome klassifiziert, schien damals noch die Apokalypse anzukündigen. Gegen das Virus war kein Kraut gewachsen; Ende 1983 wurden 3.000 Infizierte und 1.300 Tote registriert. Zum Beginn des Jahrtausends zählte man in Amerika eine Dreiviertel Million Befallene und insgesamt 500.000 Tote. Doch war der Höhepunkt schon überschritten, als Engel auf die Bühne kam. Ein paar Jahre später hatte sich die Infektionsrate halbiert, die Todesrate gedrittelt – dank diverser Durchbrüche mit antiretroviralen Stoffen.

Die Apokalypse, die Kushner mit Engeln und Geistern beschwor, ist ausgeblieben, zu ist auch das Ozonloch, das seine Heldin, die Valium-poppende Harper, in einen imaginären Ausflug in die Antarktis treibt, wo sie vergeblich nach Eskimos sucht. Dass Ronald Reagan damals Aids kaltherzig ignoriert hätte, stimmt auch nicht ganz. 1985 verkündete der Beelzebub, dass er die Aids-Forschung seit seinem Amtsantritt unterstützt und für das laufende Fiskaljahr eine halbe Milliarde in den Haushalt eingestellt habe.

Doch Brechtsches Theater ist Agitationstheater, keine Fußnotensammlung. Jenseits der historischen Fakten gilt es, die Inszenierung von Bastian Kraft ausgiebig zu feiern. Er hat schon mal das schier Unmögliche geschafft, indem er den ursprünglichen Zweiteiler gewaltlos von sieben auf drei Stunden eindampfte. Nicht minder zu rühmen: Peter Baur für sein Bühnenbild sowie die Zauberer von der Technik, vor allem das Team um Markward Scheck, das mit seinem genialen Video-Einsatz beeindruckte. Das Multimediale war kein müder Gag, sondern dramaturgischer Reingewinn.

Von der ersten Minute an schlägt das Audio-Visuelle den Zuschauer in den Bann, umso mehr, als auch dieses Instrumentarium längst zur Routine erstarrt ist. Beherrscht wird die Bühne von einer gigantesken runden Scheibe, die zugleich Projektionsfläche und wabernder Spiegel ist.

Zauber durch Technik: Die Zuschauer sehen die Akteure aus doppelter Perspektive – in natura und im Zoom auf der Scheibe; wie seit antiken Zeiten von vorn, dann aus einem überraschenden Blickwinkel von oben und seitwärts, den nur die Kamera schafft. Das Theater als "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen" – ade, Aristoteles, hallo, Ernst Bloch.