Sie tagen gleichzeitig, doch zugleich trennt sie weit mehr als ein Ozean. In dieser Woche verhandeln in Miami amerikanische und europäische Wirtschaftsexperten über das geplante TTIP-Abkommen, über die Liberalisierung der Märkte und darüber, wie sie den Export weiter ankurbeln können. In Bonn wiederum versuchen Umweltpolitiker, den weltweiten Ausstoß von CO₂ zu reduzieren, hoffen, dass durch ihre Vorarbeit die Weltklimakonferenz ein Erfolg wird und im Dezember die Regierungschefs in Paris ein Abkommen zum Schutz der Erdatmosphäre unterzeichnen. Beide Gruppen benehmen sich dabei allerdings so, als ob die jeweils andere nicht existierte. Genau das macht ihr Tun anachronistisch.

Die Welt ist vernetzt, mehr denn je, das weiß heute jeder. Und auch, dass sich viele Probleme nur durch eine kluge Verzahnung verschiedener Politikfelder lösen lassen. In der internationalen Politik ist diese Botschaft aber offensichtlich noch nicht angekommen. Denn da verhandeln nicht nur die Handelsexperten auf der einen Konferenz und die Umweltpolitiker auf der anderen. Sie tun auch noch so, als ob das eine nichts mit dem anderen zu tun hätte. Dabei ist das Klima nur zu retten, wenn man den Verkehr, die Wirtschaft und vor allem die Regeln des Welthandels verändert. Denn dort wird das schädliche CO₂ produziert.

Sicher, so etwas ist leicht aufgeschrieben, aber schwer umzusetzen. Internationale Verhandlungen würden ja nicht leichter, versammelte man künftig alle Umwelt-, Wirtschafts- und Verkehrsexperten in einem Raum, damit sie vernetzte Abkommen schließen. Doch so weit muss es ja nicht gehen. Es gibt einfachere Ideen, wie sich Klima- und Wirtschaftspolitik besser verzahnen ließen.

Der kanadische Jurist Gus Van Harten hat beispielsweise vorgeschlagen, eine "Klima-Klausel" in alle Investitionsschutzverträge zu schreiben. Dann könnten klimaschädliche Investitionen nicht mehr von Unternehmen durch Klagen vor Schieds- gerichten von Staaten zurückgefordert werden – wenn deren Regierung strengere Gesetze verabschiedet. Das ermöglichen manche Verträge heute und verhindern so Klimaschutz. Eine solche Klausel wäre auch im künftigen TTIP-Vertrag sinnvoll, ist aber bisher nicht geplant.

Andere denken noch weiter: Warum verlangen europäische Regierungen nicht, dass Handelsabkommen grundsätzlich klimafreundlich oder wenigstens klimaneutral gestaltet werden? Bisher passiert in der Regel das Gegenteil.

Nach einer Studie der Welthandelsorganisation (WTO) haben die meisten dieser Verträge den CO₂-Ausstoß der beteiligten Länder erhöht. Damit unterlaufen sie also alle Anstrengungen der Umweltpolitiker.

In dieser Woche soll in Miami zwar unter anderem auch über "Nachhaltige Entwicklung" verhandelt werden. Doch mit einer umfassenden Klimapolitik hat das nichts zu tun. Noch scheint es auch den EU-Vertretern vor allem um den Schutz bisheriger Erfolge zu gehen. Das ist nicht genug. Wollten sie wirklich klimafreundliche Handelspolitik machen, müssten sie viel weiterdenken und viel konkreter werden. Sie könnten beispielsweise gemeinsam mit den Amerikanern durch Auflagen für einen CO₂-ärmeren Luftverkehr sorgen: Beide könnten Boeing und Airbus dazu drängen, umweltfreundlichere Flugzeuge zu bauen, und keiner der Konzerne dürfte sich dann über Wettbewerbsverzerrungen aufregen. Schließlich beherrschen sie den weltweiten Markt.

Oder: Bisher fördert die EU-Kommission durch ihre Handelspolitik indirekt das Fracking in Nordamerika, indem sie den Import von besonders klimaschädlichem Öl aus Schiefersänden erleichtert. Das wiederum steigert den CO₂-Ausstoß des Verkehrs in der EU. Eine absurde Entwicklung, die sich leicht stoppen ließe.

Es gäbe noch viele konkrete Projekte zum Klimaschutz, die die Europäer gemeinsam mit den Amerikanern verfolgen könnten, allerdings müssten das beide Seiten überhaupt wollen. Die Klimaexperten in Bonn müssten wissen, was die Handelspolitiker tun könnten. Und die wiederum müssten den Klimaschutz auch als ihren Job betrachten – und für einen Erfolg in Paris kämpfen.

Oder anders gesagt: Wenn TTIP tatsächlich beim Umweltschutz Maßstäbe setzen soll, dann braucht es mehr Bonn in Miami. Und mehr Miami in Bonn.