Wann, wenn nicht jetzt? Über ein Dutzend Kriege, mindestens ein halbes Dutzend zerfallende Staaten, eine Völkerwanderung, eine Klimakrise und ein außer Kontrolle geratener Finanzsektor: 2015 wäre das ideale Jahr für eine Weltorganisation, die Kriegsherren an den Verhandlungstisch zwingt, Armut und andere Fluchtursachen bekämpft, den Klimawandel bremst und die Banken an der Leine hält. Am besten angeführt von einem dynamischen Generalsekretär, der in einem transparenten Verfahren gewählt worden ist.

Diese Weltorganisation haben wir leider nicht. Wir haben stattdessen die Vereinten Nationen, die in diesem Monat ihr 70-jähriges Bestehen feiern. Obwohl sie in einem beklagenswerten Zustand sind.

Nein, dies ist nicht die übliche Leier vom ewigen Versagen der UN. Warum auch? Die UN haben mit Programmen gegen Hunger und Seuchen Millionen von Menschen gerettet; die Geschichte ihrer Blauhelmeinsätze ist keineswegs so erfolglos, wie ihre Gegner behaupten; und den Klimawandel haben ihre Gremien immerhin kontinuierlich dokumentiert. Stoppen müssen ihn die Mitgliedsländer schon selbst.

Konzerne schmücken sich nur zu gern mit dem blauen Logo

Aber es gibt zwei Probleme, die einem jede Feierlaune verderben. Das eine betrifft die Kernaufgabe: die Sicherung des Friedens. Der Krieg in Syrien schreddert seit vier Jahren, was in den vergangenen sieben Jahrzehnten trotz vieler Fehler und Rückschläge an Schutznormen aufgebaut worden ist. Die Blockade-Politik Russlands hat erneut offenbart, wie anachronistisch die Besetzung des Sicherheitsrats und die Vetomacht seiner fünf ständigen Mitglieder ist.

Die Reformvorschläge liegen vor: Die Zahl der ständigen Mitglieder muss aufgestockt werden und das Vetorecht ausgesetzt, wenn es darum geht, mit UN-Mandat schwerste Kriegsverbrechen oder Völkermord zu stoppen.

Die zweite Gefahr droht nicht durch Konfrontation und Blockade, sondern durch die Umarmung vermeintlicher Gönner.

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT Nr. 43 vom 22.10.2015.

Die UN sind und bleiben das Weltforum, um globale Krisen frühzeitig zu erkennen und Gegenmaßnahmen zu beschließen. Ihre Aufgaben wachsen rasant. Seit bald dreißig Jahren aber ist der Haushalt der Organisation de facto eingefroren – maßgeblich Schuld daran trägt das größte Geberland USA, dessen konservative Vertreter im Kongress die UN ohnehin für Teufelszeug halten.

Seither lassen sich die verschiedenen UN-Organisationen immer häufiger auf Finanzierungspartnerschaften mit privaten Konzernen und Stiftungen ein. Die aber verfahren meist nach dem Grundsatz: Wer zahlt, bestimmt.

Zu den wichtigen Gebern der Weltgesundheitsorganisation (WHO) gehören zum Beispiel die Gates-Foundation wie auch Pharmakonzerne. Was die nicht interessiert: die Stärkung öffentlicher Gesundheitssysteme in armen Ländern und gut ausgestattete Notfallteams bei der WHO.

Zu den Gönnern der UN haben sich auch Konzerne wie Goldman Sachs, ExxonMobil oder und Nestlé gesellt – nicht gerade Akteure, deren Geschäftsmodelle zur Linderung globaler Krisen beitragen. Als Gegenleistung für ihre Spenden dürfen sie sich mit dem blauen Logo schmücken – und oft genug in Experten-Komitees der UN Einfluss auf die Politik nehmen, die mit ihren Schecks gemacht wird.

Auf ihrem letzten Gipfel vor wenigen Wochen haben sich die UN in einer fulminanten Agenda 17 neue Entwicklungsziele gegeben: Ende der Armut und des Hungers bis 2030, Zugang zu Trinkwasser, Schutz der Meere, Internetzugang für jedermann, Gleichberechtigung der Geschlechter – es ist fast alles enthalten für eine bessere Welt. Nur ist das eben kein hartes Bekenntnis zu sozial gerechten Wirtschaftssystemen oder einem einklagbaren Grundrecht auf Wasser, Bildung und Gesundheit. Wundern muss das keinen. Die Umsetzung der 17 Nachhaltigkeitsziele ist zu einem erheblichen Teil von privaten Geldern abhängig.

Dieser Ausverkauf an globale Konzerne geht an den Kern des Mandats der Vereinten Nationen. Er nimmt ihnen die politische und humanitäre Handlungsfreiheit, die sie jetzt dringender brauchen denn je. Wird er nicht gestoppt, demontieren sich die UN selbst – die einzige Organisation zur Bewältigung globaler Krisen, die wir nun mal haben. In diesem Fall würde der 80. Geburtstag zur Farce geraten. Wahrscheinlich gesponsert von Banken und Energiekonzernen.

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