DIE ZEIT: Herr Sorokin, Ihr Roman Der Schneesturm erschien 2010. Geschrieben wurde er 2009, ein Jahr nach dem ersten Ämtertausch von Putin und Medwedew. Was war Russland damals für ein Land?

Vladimir Sorokin: Russland war eine postsowjetische Gesellschaft, die mit aller Gewalt in eine schlimme Zeit zurückverfrachtet wurde. Wenn die neunziger Jahre der russische Herbst waren, begann in den 2000er Jahren ein neuer Winter. Bis heute rieche ich leider keinen Frühling.

ZEIT: Das heißt, man könnte den titelgebenden Schneesturm als Metapher für die frostige Gegenwart lesen? Er hindert die beiden Helden, den Landarzt Platon Garin und seinen Kutscher Kosma, daran, ihr Ziel zu erreichen: ein Dorf, in dem eine geheimnisvolle Seuche umgeht, die die Menschen zu Zombies macht.

Sorokin: Das Buch ist zuerst einmal eine Erzählung über den hoffnungslosen russischen Winter. So etwas wollte ich schon lange mal schreiben. Jahrelang hatte ich dieses Bild im Kopf: Zwei Menschen von unterschiedlichem Stand begeben sich auf einen weiten Weg — und kommen nie an. Aus meiner Sicht ist der Schneesturm mehr als Dekor oder Setting. Er ist die dritte handelnde Person in einem Drama, das sich in der russischen Provinz in jedem Jahrhundert auf seine Art wiederholt.

ZEIT: Die meisten Ihrer nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion verfassten Werke waren finstere, gewalttätige Dystopien. In Der Tag des Opritschniks aus dem Jahr 2006 entwerfen Sie eine schwarze Satire über ein Land, das mit modernen Mitteln das Russland Iwans des Schrecklichen kopiert. Anders als Ihre übrigen Bücher kam es im Kreml ganz gut an. Im Schneesturm halten Sie sich mit direkten politischen Bezügen zurück. Warum?

Sorokin: Ich gebe mir Mühe, mich in meinen Büchern nicht zu wiederholen. Der Schneesturm ist eine Unterhaltung über russische Metaphysik, über die Weite, den Schnee, in dem alles Menschliche zum Verschwinden verdammt ist.

ZEIT: Stieße man in dieser Erzählung nicht immer wieder auf merkwürdige Erfindungen wie eine Paste, die Filz wachsen lassen kann, oder synthetische Drogen, mit denen man bewusst Horrortrips herbeiführen kann, man könnte sich bei der Lektüre auch im 18. oder 19. Jahrhundert wähnen.

Sorokin: Das ist ja genau die Idee. Diese Erzählung spielt in der Zukunft, die sich anfühlt wie die Vergangenheit. Das ist nun einmal das Paradoxon des russischen Landlebens: Dort vergisst man schnell, in welcher Zeit man lebt.

ZEIT: Hinzu kommt, dass Sie auch sprachlich in die Vergangenheit reisen. Schon die Namen der Hauptfiguren Platon und Kosma klingen, als stammten sie aus einer Erzählung von Tolstoi oder Tschechow.

Sorokin: Die Sprache der klassischen Literatur ist nun einmal die beste Sprache, um von einem russischen Provinzarzt, einem Postkutscher und einem Schneesturm zu erzählen. Ich wüsste jedenfalls keine bessere.

ZEIT: Ihre Verehrung für die russischen Klassiker ist bekannt. Beim Schreiben allerdings zollen Sie ihnen mitunter wenig Respekt. Da schwingt immer etwas Parodistisches mit. Schon in Ihrem großen, bereits zu Sowjetzeiten verfassten Werk Roman bringen Sie den russischen Roman mit seinen eigenen O-Tönen an sein postmodernes Ende.

Sorokin: Der russische Roman ist eine weltberühmte Marke, so wie der Wodka oder die Matroschkapuppen. Doch während der Wodka und die Matroschkapuppen bis heute überlebt haben, ist der Roman schon vor langer Zeit gestorben. Alle meine Experimente mit diesem Genre waren – utopische, papierene – Versuche, es wiederzubeleben. In den Weiten des russischen Romans zu leben ist mir ein großer Genuss, seine Magie verzaubert mich: diese saubere russische Luft zu atmen, auf Pferden zu reiten, schönes, richtiges Russisch zu sprechen. Das ist etwas anderes als dieses postsowjetische Russland.