Es ist sicher kein Vergnügen, in die Führungsetage eines Unternehmens einzuziehen, dessen Name neuerdings für Betrug und gesundheitsgefährdende Umweltverpestung im großen Stil steht. Christine Hohmann-Dennhardt, Vorstandsmitglied der Daimler AG und im April 65 Jahre alt geworden, macht genau diesen Schritt. Sie wechselt zum 1. Januar zu Volkswagen auf den dort neu geschaffenen Vorstandsposten für "Integrität und Recht".

"In Wolfsburg wartet auf die Frau ein richtiger Höllenjob", sagt ein VW-Aufsichtsrat, der nicht namentlich genannt werden will. Kein Tag vergehe, an dem nicht eine neue Klage oder Klageandrohung gegen den Konzern in der Wolfsburger Rechtsabteilung auflaufe wegen der Manipulation von Abgasreinigungsanlagen: aus Deutschland, Frankreich, Spanien und anderen Exportmärkten, aber vor allem aus den USA. Und er sagt: "Wir brauchen unabhängige Leute von draußen an entscheidenden Stellen."

Zumindest bei der Personalie Hohmann-Dennhardt hat der neue Aufsichtsratsvorsitzende Hans Dieter Pötsch, zuvor selbst 13 Jahre im VW-Vorstand, danach gehandelt, auf Anraten des neuen Konzernchefs Matthias Müller. Die von Pötsch verpflichtete Juristin war nicht nur Richterin am Bundesverfassungsgericht und davor für die SPD Justizministerin in Hessen. Durch ihren Daimler-Vorstandsjob, dessen Funktionsbezeichnung VW gleich übernommen hat, hat sie Erfahrung darin, wie man mit amerikanischen Behörden in Strafsachen verhandelt. Wie man interne Abläufe in einem internationalen Konzern so transparent und rechtlich sauber macht, dass sie selbst die bei ausländischen Missetätern besonders scharfen US-Juristen am Ende als vorbildlich bewerten.

Im Jahr 2011, als Hohmann-Dennhardt zu Daimler geholt wurde, galt es Korruptionsfälle aufzuarbeiten, welche das US-Justizministerium in Drittstaaten aufgedeckt hatte. Der Stuttgarter Konzern zahlte in einem Deal 186 Millionen Dollar an die US-Behörden und akzeptierte zudem einen ehemaligen FBI-Chef als Aufpasser in Stuttgart.

Wenn Hohmann-Dennhardt von dem Balanceakt zwischen der Neugier der Amerikaner auf Vorstandsinterna und den rechtmäßigen Konzerninteressen erzählt, merkt man schnell, wie knifflig solche Deals mit US-Behörden sein können. Doch die energische Quereinsteigerin mit ausgeprägtem Fingerspitzengefühl hat es geschafft: Den mächtigen Männern mit Benzin im Blut bei Daimler konnte sie nachhaltig vermitteln, wie wichtig saubere Geschäfte sind. Und den US-Juristen, dass ein deutscher Konzern sich nicht nur an US-Recht halten, sondern auch mit deutschen Rechtsvorschriften leben muss.

Hohmann-Dennhardts Vertrag wäre noch bis Februar 2017 gelaufen, die Frau "mit Charme und Biss" (so ein Daimler-Manager) war hoch angesehen im Vorstand. Dennoch haben Daimler-Aufsichtsratschef Manfred Bischoff und Konzernlenker Dieter Zetsche ihrem schnellen Wechsel zum Konkurrenten jetzt "im Interesse der Good Corporate Governance der deutschen Automobilindustrie entsprochen". Dahinter stecken handfeste wirtschaftliche Interessen. Daimler wie auch BMW fürchten, dass der VW-Skandal auf alle deutschen Autobauer ausstrahlen könnte. Sie sind wie VW auf einen hohen Anteil an verkauften Diesel-Autos in Europa angewiesen (siehe nebenstehendes Interview mit BMW-Chef Harald Krüger). Je früher VW auch die juristischen Folgen der Manipulationen in den Griff bekommt, je schneller die Wolfsburger als geläuterte Sünder wahrgenommen werden, desto besser ist das auch für die Geschäfte der anderen deutschen Autobauer.