Dem Tag, der Geschichte schreiben sollte, ging tagelanges Warten voraus. Für ihre Invasion in der Normandie hatten die Alliierten genaue Vorstellungen: Das Meer durfte für die Schiffe nicht zu wild, der Wind also nicht zu stark sein, die Tide für die Landungsboote nicht zu niedrig, der Boden für die Infanteristen nicht zu aufgeweicht. Auch gute Sicht war wichtig, musste die "Operation Overlord" doch nachts beginnen, möglichst bei Vollmond. Militärs und Meteorologen zitterten, bis am 6. Juni 1944 im Sandwich zweier Tiefdruckgebiete ein Zwischenhoch über den Ärmelkanal zog. Für ein paar Stunden nur, doch die waren kriegsentscheidend.

Regen, Nebel, Wind und Sonne als Zünglein an der Waage – davon handelt das neue Buch des Historikers und Journalisten Ronald Gerste, Wie das Wetter Geschichte macht. Aus meteorologischer Perspektive blickt Gerste darin auf rund 30 historische Schlüsselereignisse.

Diese Sichtweise ist vielen Historikern bis heute fremd. Gerstes Blick auf die Geschichte ist also unkonventionell. Bei der Auswahl von Geschichte orientiert er sich hingegen selbst am traditionellen eurozentrischen Bild von großen Taten großer Männer – nicht zuletzt also an großen Schlachten. Einen Anreiz, die oftmals verworrene Beziehung zwischen Mensch und Natur anders zu denken, gibt Gerste dennoch. Denn mit dem Wetter im Sinn erzählt sich Geschichte auf einmal ganz anders.

Beispiel Wind

Im September 480 vor Christus wollte Perserkönig Xerxes I. die verlorene Schlacht seines Vaters bei Marathon rächen. Die Griechen waren ihm klar unterlegen. Ihr Anführer Themistokles verfügte über 330 Kriegsschiffe, Xerxes über 1.200. Doch zwei Stürme setzten dieser Seestreitmacht übel zu. Mit einer List lockte Themistokles die verbleibenden Perser dann in die enge Straße von Salamis, wo der Seewind Aura die Griechen begünstigte. Sie siegten dank Wind über die Perser und sicherten die frühe Demokratie. Ein ähnliches stürmisches Schicksal traf Ende des 16. Jahrhunderts auch die stolze spanische Armada. Erst nach ihrem Untergang begann Englands Aufstieg zur See- und damit Weltmacht.

Beispiel Nebel

Fast 200 Jahre später erlitten die rebellischen Amerikaner während des Unabhängigkeitskriegs eine üble Niederlage. Im Spätsommer 1776 zog in Brooklyn plötzlich Nebel auf. Dank ihm konnte General George Washington seine Streitmacht nach Manhattan evakuieren, vom Kanonenhagel geschützt. Er selbst bestieg als Letzter ein Boot und entkam. Das allein machte ihn noch nicht zum Präsidenten, aber bei klarer Sicht hätte der General das Gefecht wohl nicht überlebt.

Beispiel Kälte

Strenge Winter verwandeln Hindernisse in Wege. Das erkannte schon der schwedische König Karl X. Gustav im Jahr 1658, als die Ostsee zwischen Südschweden und Dänemark gefror. Mit rund 3.500 Mann Infanterie und 1.500 Reitern zog er über den Kleinen Belt nach Kopenhagen. Durch seinen Sieg wurden Lund und Malmö schwedisch, was sie bis heute sind.

Viel häufiger aber führen strenge Winter ins Verderben, am russischen scheiterten gleich drei Feldherren. Schwedenkönig Karl XII. wurde im September 1708 bei seinem Zug nach Moskau zunächst von einem Schneesturm überrascht. Im Winter, dem härtesten des Jahrhunderts, erfroren viele seiner Soldaten – das Heer war schließlich derart geschwächt, dass es im Sommer darauf den Krieg verlor. Napoleon erging es 1812 ähnlich, ebenso scheiterte Hitlers Überfall auf die Sowjetunion.

So aufgezählt wirkt es schon erstaunlich, wie ein Eroberer nach dem anderen in die Kälte marschierte – um nicht zu sagen: geschichtsvergessen. Der Historiker Wolfgang Behringer von der Universität des Saarlandes erklärt sich das mit einem ausgeprägten Fortschrittsglauben. Nicht nur der Gegner sollte unterworfen werden, auch die Natur.