Die Temperaturen sinken, und es regnet wieder mehr: Wer in den vergangenen Tagen rund um die Zeltlager für Flüchtlinge in Wilhelmsburg, Jenfeld oder Stellingen unterwegs war, musste den Eindruck bekommen, dass es so nicht lange gut gehen würde. Die Bedingungen in diesen Camps waren teilweise so miserabel, dass sich einige Flüchtlinge lieber die ganze Nacht außerhalb ihrer Unterkünfte aufhielten oder Zuflucht bei ehrenamtlichen Hamburgern suchten, die ihre Couch anboten. Teilweise fehlten in den Einrichtungen Betten, einige Flüchtlinge schliefen offenbar nächtelang auf Holzpaletten oder in Sanitärcontainern. Viele wurden krank, weil sie über Wochen ohne Heizung auskommen mussten.

Mit einigen Tagen Verzögerung haben die Hamburger Behörden schließlich auf die missliche Lage reagiert. Immer mehr Flüchtlinge können inzwischen aus den Zelten in feste Unterkünfte umziehen. In den Erstaufnahmen in Wilhelmsburg und Jenfeld sollen Zelte durch Holzhäuser ersetzt werden. Und auch den Bewohnern der Erstaufnahme an der Schnackenburgallee in Stellingen steht ein Umzug bevor: Die Flüchtlinge dort ziehen sukzessive um in ein Bürogebäude am Albert-Einstein-Ring, wenige Kilometer entfernt. Zuvor waren schon Frauen und Kinder aus den Zelten in beheizte Container gebracht worden.

Der schlechte Zustand vieler Einrichtungen hatte die Stimmung in den Camps zuvor über Tage angeheizt. Mehrere Medien zitierten aus einem internen Lagebericht der Polizei, demzufolge die Situation in einigen Flüchtlingscamps "hochgradig explosiv" sei. Fördern-&-Wohnen-Mitarbeiter berichteten anonym von Bedrohungen. Offenbar setzte ein Flüchtling eine Frau so sehr unter Druck, dass sie sich schließlich seinem Willen beugte und ihn aus dem Zelt in einen Container verlegte.

Spricht man mit Flüchtlingen in den betroffenen Camps, relativieren die meisten die Brisanz der Lage. Junge Frauen in der Erstaufnahme Schnackenburgallee erzählen, dass es manchmal Streit gebe – zum Beispiel weil der Fernsehraum komplett von jungen Männern aus Syrien und dem Irak besetzt sei. Frauen würden sich nicht hineintrauen. Deshalb blieben sie einfach die ganze Zeit in ihrem Zelt, denn Geld, um in die Stadt zu fahren, hätten sie ja nicht. Ernstere Konflikte gebe es aber kaum. Das Leben in der Erstaufnahme sei vor allem eines: langweilig.

Dass sich die Lage in den Zeltlagern auf absehbare Zeit entspannt, ist nicht zu erwarten. Denn weiterhin kommen täglich mehrere Hundert neue Flüchtlinge an. Obwohl die Mitarbeiter des Einwohnerzentralamts ständig nach neuen Unterbringungsmöglichkeiten in der Stadt suchen, werden sie oft nicht schnell genug fündig. Und neue Hallen bringen immer nur kurz Entlastung.

Der Druck, unter dem die Behörden arbeiten, ist riesig. Journalisten merken das bei fast jedem Anruf in der Innenbehörde oder bei der städtischen Gesellschaft Fördern & Wohnen. Meist sind dort alle Leitungen belegt. Geht doch einmal jemand ans Telefon, klingelt schon nach kurzer Zeit im Hintergrund der zweite Apparat. Viele Gespräche enden so abrupt, wie sie begonnen haben. Und manch ein Pressesprecher gibt Fragen gar nicht erst weiter. Die Kollegen, heißt es dann, seien zurzeit allein mit der Bewältigung ihres Arbeitsalltags derart am Rande ihrer Kapazitäten, dass sie Fachfragen gerade einfach nicht gebrauchen könnten.

Das ist verständlich: Wer die Wahl hat, ob er eine neue Flüchtlingsunterkunft schafft oder Fragen zu solchen Unterkünften beantwortet, sollte die erste Option wählen. Zugleich führt das dazu, dass in der aktuellen Hektik manches untergeht oder nicht so genau genommen wird.

Beispielhaft ist da die Sache mit den Heizungen. Angeblich sollten alle Zelte seit Donnerstag beheizt sein. Das teilte die Innenbehörde mit, so schrieben es dann auch die meisten Zeitungen. Da habe es der Senat aber schnell geschafft, die Zelte winterfest zu machen, hieß es anerkennend unter Journalisten. Einzig: Die Meldung stimmte nicht. Selbst am Sonntag gab es beispielsweise in der Erstaufnahme Schnackenburgallee noch zahlreiche Zelte, in denen nicht einmal Radiatoren standen. Ähnlich war es im Jenfelder Moorpark. Auch dort behaupteten die Behörden Ende der Woche, alle Zelte seien beheizt – dabei funktionierten die Radiatoren in vielen Zelten erst vom Wochenende an.

Unter manchen Flüchtlingen kursierten via WhatsApp Artikel aus lokalen Zeitungen, in denen von den angeblich funktionsfähigen Heizungen und winterfesten Zelten geschrieben wurde. Das sei dann wohl die deutsche Art staatlicher Propaganda – deutlich subtiler als in seinem Heimatland, sagte ein Iraker aus Jenfeld scherzhaft .

Gefährlich ist das vor allem im Hinblick auf den sozialen Frieden in den Zeltlagern. Fördern & Wohnen achtet für gewöhnlich darauf, dass in den Camps nicht unbeheizte Zelte neben relativ komfortablen Containern stehen. Ansonsten, so heißt es, würde Neid entstehen, der sich in Handgreiflichkeiten entladen könnte. Allerdings scheint auch das in der allgemeinen Hektik hin und wieder unterzugehen.