Ich habe Angst. Ein Mensch, der mir viel bedeutet, will sich beruflich verändern. In eine neue Stadt ziehen. "Du weißt, das ändert nichts an uns", sagt der Mensch. Ich denke an die Stadt. Sie ist so schön wie ihre Bewohner. Ich fühle mich hässlich.

Vor Kurzem kamen in der schönen Stadt viele Flüchtlinge an. Sie wurden mit Applaus begrüßt. Die Schlagzeilen riefen: "Das neue deutsche Sommermärchen!" Das ist ein paar Wochen her. Die Schlagzeilen haben sich geändert. Sie rufen jetzt: "Deutsche haben Angst vor Islamisierung!"

In meiner Klasse gab es eine Muslimin. Sie hatte schwarzes Haar und schwarze Augen und hieß Samira. Ich nannte sie Samice. Ich habe blaue Augen. Wir waren Freunde. Samice war mit ihren Eltern aus Bosnien geflohen. Dort schlachteten Christen Muslime ab. Als das Schlachten vorüber war, musste Samice zurück: abgeschoben. Einige Monate später kam eine Karte: "Du hast mich vergessen." Ich antwortete: "Wie ist Dein neues Leben?" Sie schrieb: "Ich bin fremd hier."

Aus Karten wurden Briefe wurden E-Mails. Samice machte Abitur, Samice hatte einen Freund und keinen Freund, Samice war wieder da. Als Austauschstudentin. Ich besuchte sie im Wohnheim. In jener Nacht hatten wir eine Augenfarbe. Sie flüsterte: "Du weißt, das ändert nichts an uns."

Heute lehrt Samice Deutsch in Sarajevo. Mit Doktortitel und Kind. Wir sind Freunde.

Es wird sich viel verändern. Wir sollten keine Angst haben. Wir sollten Liebe wagen.