Nun heißen sie Datenflus und Antivirus, und was diesem römischsoldatischen Wachpersonal gleich auf der zweiten Seite von Der Papyrus des Cäsar entwischt, ist ein Datenträger namens Bigdatha. Das Imperium ist nicht mehr ganz dicht! In Rom – und das bedeutet bekanntlich: fast überall auf dieser Erde – eskaliert eine Medienkrise, kein Lesender kann dem gedruckten Wort mehr vertrauen, die Macht wird geleakt, das weltumspannende hochsichere Datennetz Roms hat ein Loch. All dies erschüttert das Imperium, weil Cäsar ein Buch verfasst hat. Kaum geschrieben, schon ein Klassiker! De Bello Gallico, bereits 50 Exemplare, hört man, seien ausgeliefert! Umgehend, schneller jedenfalls als diese Rezension geschrieben ist, titelt deshalb die Zeitung Tempus unter dem echten ZEIT-Logo unseres echten Titelkopfes: Ein Paukenschlag in der Welt der Literatur!

Ja, der neue Asterix ist da, klassisch gedruckt auf Papier, der zweite Band in der noch jungen Ära von Jean-Yves Ferri (Text) und Didier Conrad (Zeichnungen), über deren blitzenden Geistesreichtum man beinahe die Originale von Uderzo und Goscinny vergessen könnte. Der Papyrus des Cäsar ist einfach zu schön, um wahr zu sein. Aber was, beim Jupiter oder Teutates, ist wahr? Was kann als ein Original gelten? Was als echt? Wie lautet die ungefälschte Geschichte Roms inklusive Galliens, und wer hat die Macht über die Fälschung? Oder, noch etwas grundsätzlicher gefragt, von Anfang an: Julius Cäsar, römischer Imperator, wer war das noch gleich? Gab es den?

Was man sicher weiß, steht geschrieben, seit im Jahr 1959 in Frankreich der erste aller Asterix-Comics erschien: "Wir befinden uns im Jahre 50. v. Chr., ganz Gallien ist von den Römern besetzt ... Ganz Gallien? Nein! Ein von unbeugsamen Galliern besetztes Dorf hört nicht auf, dem Eindringling Widerstand zu leisten ..." Die erste aller Fragen jedes Lesenden muss nun und fortan aber sein: Woher weiß man das?

Von Julius Cäsar selbst jedenfalls soll es in diesem 36. neuen Band der Asterix-Historie keiner erfahren! Herrschaftswissen! Der Imperator hat zu Beginn dieser Geschichte den Bericht über seine gallischen Feldzüge abgeschlossen, De Bello Gallico, griffiger Titel, sein Berater Syndicus ist begeistert, nur das Kapitel XXIV, empfiehlt er, soll besser raus. Es handelt von den Rückschlägen im Kampf gegen die unbeugsamen Gallier: Die waren imageschädigend.

Cäsar folgt dem Berater, das Kapitel soll vom Erdboden verschwinden, die historische Wahrheit ist, was dem Herrscher gefällt (ganz wie im wirklich echt originalen Bello Gallico übrigens, wo ja Kapitel VIII gar nicht von Cäsar stammt, sondern von einem Freund, und über die Echtheit des interessegeleiteten Rests lange gerätselt wurde). Doch ganz und gar löschen kann man nichts, selbst ein Cäsar nicht: Der Schreiber Bigdatha schmuggelt das verworfene Kapitel aus dem Palast und übergibt es dem Kolporteur Polemix, der natürlich dem WikiLeaker Julian Assange aufs weißblonde Haar gleicht und eine eigene Agenda verfolgt: Schlagzeilen!! Alles muss raus!! Er trägt die Papyrusrolle ins gallische Dorf, sozusagen zum minimal quellenkritischen Abgleich, denn auf der Rolle steht, gliederungsweise: "Tour durch Gallien. Der Avernerschild. Die Trabantenstadt." Et cetera et cetera: Stimmt das? Nun, ja: Es ist Titel für Titel der Stoff, aus dem die ersten 35 Asterix-Bände sind.

Die listige Text- und Bildkunst von Ferri und Conrad läuft angesichts dieses Quellensalats zu Höchstform auf: Schön wäre nun, zumal in Frankreich, etwas Aufklärung, mehr Licht! Doch Datenfälschung und Geschichtsklitterung sind schwer zu entziffern, wenn man wie Asterix ein Analphabet ist. Unsere ewig und immer noch barbarisch-banausischen Gallier können nicht lesen. Sie interessieren sich nur für das Horoskop, blättern in der Gallischen Revue, geben vertrauterweise an wie ein Sack Sülze (Verleihnix: "Ein Buch? Davon hab ich schon mal gehört!"). Und sie folgen, bei allem Risiko, nur der mündlichen Überlieferung aller Sagen, auch der eigenen, die von einem altersdementen Ursprungsweisen aus dem tiefsten Karnutenwald kommt ...