DIE ZEIT: Seit vergangener Woche hört man: Die Bank Austria, die zur italienischen UniCredit gehört, könnte ihr Privatkundengeschäft an die Bawag verkaufen und ihr Osteuropa-Geschäft nach Mailand übersiedeln.

Matthias Bank: Also, wenn das alles wirklich kommt, dann bleibt in Wien kein Stein auf dem anderen. Was bleibt von der Bank Austria noch übrig?

ZEIT: Das frage ich Sie.

Bank: Es wird nicht viel sein. Denn auch das Geschäft mit vermögenden Privatkunden ließe sich mit der Schoellerbank zusammenlegen, die ebenfalls der UniCredit gehört. Die ganze Signalwirkung für den Standort ist schon gigantisch. Und natürlich wird man solche Situationen auch nutzen, um teure Mitarbeiter, also solche, die wenig Erträge erwirtschaften, abzubauen. Allerdings: Es werden im Moment wohl ganz bewusst Gerüchte gestreut, um zu schauen, wie die Öffentlichkeit reagiert. Und es wird sicher um einiges mehr gestreut, als umgesetzt wird.

ZEIT: Was würde es für den Bankenstandort Wien bedeuten?

Bank: Na ja, Wien ist bisher eine Art Drehscheibe für das Ostgeschäft der UniCredit. Es handelt sich um circa 25.000 Mitarbeiter, die in osteuropäischen Banken arbeiten und zum UniCredit-Konzern gehören. Deren Jobs bleiben erst mal bestehen. Nur die Verwaltung würde aus Wien abwandern. Das wären aber auch eine Menge Arbeitsplätze. Für die anderen Bereiche wie das Privatkundengeschäft werden am Standort ebenso viele Arbeitsplätze verloren gehen.

ZEIT: Ergibt das Sinn?

Bank: Mir leuchtet die Logik noch nicht ein, warum das Ostgeschäft nach Mailand wandern soll. Historisch gesehen, ist Wien ein gutes Drehkreuz für Osteuropa. Da geht es um kulturelle Fragen, aber auch um Kontakte. So etwas lässt sich nicht einfach verpflanzen, hier geht viel an Sozialkapital verloren. Die österreichischen Banken haben in den neunziger Jahren die Chance genutzt und im Osten ihr Geschäft aufgebaut. In der Krisensituation ist das natürlich nicht mehr so gut gelaufen, aber niemand spricht davon, es aufzugeben. Eine rein technokratische Restrukturierung, wie die Übersiedlung, kann kontraproduktiv sein.

ZEIT: Ist ein Prozess, wie er nun vielleicht auch der Bank Austria droht, einfach eine Normalisierung des österreichischen Bankensektors?

Bank: Auf jeden Fall. Die Bank Austria entstand aus Zentralsparkasse und Creditanstalt. Die beiden waren staatsnahe Banken mit engen Verbindungen zur Politik. In diesen Finanzinstituten arbeiten heute noch viele Mitarbeiter, die pragmatisiert sind. Aber die Globalisierung schlägt auch hier zu. Es kommen neue Mitwettbewerber, wie Direktbanken, die eine Rosinenpickerstrategie fahren, hinzu. Die konzentrieren sich auf bestimmte Segmente, in denen die Margen am höchsten sind und sich gut Geld verdienen lässt. Dazu kommt die ganze Fintech-Welle: Start-ups, die etwa mit Algorithmen bessere Kreditentscheidungen treffen können als Banken mit einer normalen Prüfung. Für Vollsortimenter wie die Bank Austria bleibt das Geschäft übrig, das unter Ertragsgesichtspunkten uninteressant ist.

ZEIT: In Österreich gibt es schon heute zu viele Bankfilialen.

Bank: Ja, und alle suchen händeringend nach neuen Geschäftsmodellen, auch die UniCredit. Dabei ist die Bank Austria nur ein kleiner Baustein. Alle versuchen, mit dem Problem der Ertragsschwäche umzugehen und sich neu und nachhaltig aufzustellen. Ob einem das als österreichischer Bürger gefällt, ist letztlich zweitrangig. Das ist ein Wirtschaftsunternehmen, und die Entscheidungen werden in Mailand getroffen – auch wenn die Bank im Namen Austria hat. Aber ernsthaft, ich glaube nicht, dass es in naher Zukunft so schlimm kommen wird. Man hat ein großes Drohszenario aufgebaut, und alle werden froh sein, wenn nur die Hälfte davon eintritt. Das ist ebenfalls Strategie.

ZEIT: Könnte es eine Sogwirkung auf andere Unternehmen haben, die ihre Ostgeschäfte von Wien abziehen?

Bank: Ich halte das für übertrieben. Ich glaube, man wird keine Zusammenhänge zerstören, die man ohne Not nicht zerstören sollte. Aber wir haben natürlich nicht alle Informationen aus den Kostenrechnungen der Banken. Es könnte natürlich sehr gute Gründe für all das geben.