Berlin-Zehlendorf, Bruno-Taut-Siedlung. Ich klingele bei meinem alten Gitarrenlehrer. Wir haben uns lange nicht mehr gesehen. Vor 30 Jahren jede Woche, danach nur sehr sporadisch. Als ich noch Schüler war, wollte "Coco" Schumann nicht über seine Biografie reden. Erst 1997 rang er sich durch, einen Abschnitt seines Lebens als "Der Ghetto-Swinger" (dtv Verlag) öffentlich zu machen. Dank der Musik hat er mehrere Konzentrationslager überlebt und wurde einer der bedeutendsten Jazzmusiker der Nachkriegszeit. Coco schlurft die enge Treppe herunter, in Pantoffeln und Bademantel. 11.30 Uhr ist eben auch verdammt früh für einen Jazzer.

Eckart von Hirschhausen: Moin, Coco, wie geht’s?

Coco Schumann: Mensch, Ecki, du bist ja Arzt, für dich muss ich mich ja nicht richtig anziehen, oder?

von Hirschhausen: Nee, ich nehme das mal als Vertrauensbeweis. Hast du jemanden, der dir hilft?

Schumann: Ja, eine vom ambulanten Pflegedienst kommt vorbei. Früher wollten mich die Frauen immer ausziehen. Jetzt wollen sie mich immer anziehen.

An der Wand hängt ein Plakat von Marlene Dietrich, die er Anfang 1946 bei einem Konzert begleitet hat. Darunter, immer griffbereit: der Koffer mit der Gitarre.

von Hirschhausen: Du hättest mir ja eigentlich klassische Gitarre beibringen sollen, aber das hat dich nicht interessiert. Dafür hast du deinen Schülern Jazz beigebracht.

Schumann: Ich hab’s zumindest versucht.

von Hirschhausen: Gibt ja den Witz, wo der Arzt dem Musiker sagt: Sie haben noch zwei Wochen zu leben. Darauf sagt der Musiker ...

Schumann: ... Wovon denn! Kenn ich. Ist aber kein Witz.

von Hirschhausen: Bist du deshalb Lehrer an der Musikschule in Zehlendorf geworden?

Schumann: Klar, irgendwie musste ich ja Geld verdienen. Da hab ich mich doch gerne mit Typen wie dir rumgeschlagen.

von Hirschhausen: Du hast auch immer gesagt: Noten sind nur schwarze Punkte ...

Schumann: ... und die muss man zum Leben erwecken. Darum haben mir Jazz und Swing von Anfang an so gut gefallen, weil man nicht nur abspielt, was einer mal komponiert hat.

Coco passte nicht in die Musikschule. Ob ich geübt hatte oder nicht, war ihm egal. Er war einfach eine coole Sau, lebenslustig, mit einer melancholischen Seite, das spürte ich, auch wenn ich keine Ahnung hatte, welche Geschichte er mit sich trug.

von Hirschhausen: Wie wichtig ist in der Musik die Stille?

Schumann: Pausen sind enorm wichtig. Sonst wird’s Gedudel. Mein Lehrer Hans Korseck sagte: Wichtig sind die Töne, die man nicht spielt.

von Hirschhausen: Woher kam dein Gefühl für Swing?

Schumann: Ist angeboren. Das kann man nicht lernen. Das kommt von innen heraus.

von Hirschhausen: Im Jazz hat die Musik immer etwas mit dem Leben zu tun. Ist es da von Vorteil, wenn man ein ereignisreiches, manchmal nicht leichtes Leben geführt hat?

Schumann: Ja. Alles, was mit Gefühl zu tun hat, kann man auf die Musik übertragen – die Höhepunkte und die Tiefpunkte.

"Ich wurde beschuldigt, arische Frauen verführt zu haben"

von Hirschhausen: Eine der Grundlagen des Jazz ist der Blues – eine Form, die helfen konnte, schlimme Erlebnisse zu verarbeiten.

Schumann: Auch die jüdische Musik hat viel mit Blues zu tun. Beim Klezmer ist das Feeling genauso wichtig. Die Schwarzen haben den Blues hoffähig gemacht, die eingewanderten Juden die andere Musik, Filmmusik. Man hat sich in der Mitte getroffen.

von Hirschhausen: Ich erinnere mich noch, als du mir damals kurz erzählt hast, dass du im Gefängnis warst – du wärst da in etwas hineingezogen worden. Von KZ war nie die Rede. Warum wolltest du lange nicht über deine Lebensgeschichte reden?

Schumann: Das hatte nicht viel miteinander zu tun, der Unterricht und das, was ich als Jugendlicher erlebt habe. Das war einfach ein anderes Leben. Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau, Dachau. Ich hatte das Gefühl, niemand würde verstehen können, was geschehen war. Ich selber konnte es ja nicht.

von Hirschhausen: Aber irgendwann hast du dich doch entschlossen, über dein Leben zu sprechen.

Schumann: Ich bin immer wieder gefragt worden. Mensch, schreib doch mal ’n Buch. Erst neulich hat das eine vom Pflegedienst gesagt. Ich bin aufgestanden und habe mein Buch aus dem Regal gezogen.

von Hirschhausen: Als ich bei dir Unterricht hatte, war ich in dem Alter, in dem du als Jude verfolgt wurdest. Hast du nie gedacht, Mensch, die Jugendlichen heute wissen gar nicht, wie gut sie es haben?

Schumann: Nein, so weit habe ich damals nicht gedacht. Außerdem habe ich als Jugendlicher gemacht, was ich wollte – obwohl es verboten war.

von Hirschhausen: Du hast im Strandbad Wannsee für deine Verehrerinnen gespielt – obwohl dir der Besuch dort 1941 schon strengstens verboten war.

Schumann: Wir haben uns einen Scheißdreck drum gekümmert. Ich habe schon immer eine große Schnauze gehabt. Wenn ich in eine Kontrolle reingekommen bin, bin ich nicht weggelaufen, sondern habe den mit den meisten Sternen gefragt: "Herr Obersturmführer, wo geht’s denn zur Soundso-Straße?" So bin ich immer ganz gut durchgekommen.

In Sichtweite vom Strandbad steht heute noch die Villa, in der im Januar 1942 bei der Wannsee-Konferenz die "Endlösung" organisiert wurde. Coco hatte oft verdammtes Glück. Außerdem war er schlagfertig in vielerlei Sinne. Im Scheunenviertel mitten in Berlin aufgewachsen, boxte er gerne, spielte Schlagzeug und hatte auch einen Schlag bei den Frauen. Aus dieser Zeit stammt sein Spitzname, denn eine französische Flamme konnte seinen bürgerlichen Namen Heinz nicht aussprechen.

von Hirschhausen: Dein Versteck war die Öffentlichkeit. Du hattest ein wildes Leben.

Schumann: Ja, bis 1943, als mich einer verpfiffen hat und ich doch verhaftet wurde. Offiziell wurde ich beschuldigt, meinen Judenstern nicht getragen zu haben, verbotene Musik gespielt und arische Frauen verführt zu haben. Ich landete in der Sammelstelle Große Hamburger Straße, wo die Transporte zusammengestellt wurden. Ich war für Auschwitz vorgesehen, aber da ist mein Vater, der kein Jude war, rauf zu Obersturmführer Dobberke – ich werde den Namen nie vergessen. Mein Vater hat gesagt, dass er Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg war, und hat gebeten: Bitte schicken Sie meinen Sohn nach Theresienstadt, wo zu dem Zeitpunkt schon meine Großeltern waren. Dieser eiskalte Typ hat sich von meinem Vater erweichen lassen, und ich bin erst mal nach Theresienstadt gekommen.

von Hirschhausen: Dein Schutzengel hatte viel Arbeit, oder?

Schumann: Erbarmungslos! Ich habe überlebt!

von Hirschhausen: Glaubst du eigentlich an Gott?

Schumann:Eckart, wie soll ich an den glauben, wenn die Millionen Frommen, die jeden Tag in der Synagoge waren, in Auschwitz gestorben sind. Und ich altes Schlitzohr hab überlebt. Also, wo war er?

von Hirschhausen: Hast du eine Antwort?

Schumann: Nee, die gibt es auch nicht. An Gott glaube ich nicht, aber an einen Schutzengel, so oft wie ich Glück hatte im Leben.

von Hirschhausen: Und an die Musik?

Schumann: Die Musik war auch einer meiner Schutzengel. Als ich in Theresienstadt ankam, waren reichlich Instrumente da, weil viele ihre Instrumente mitgebracht hatten. Aus dem Café am Markt hörte ich Musik, was ich gar nicht glauben wollte. Über den Hintereingang bin ich rein und habe die Musiker angesprochen. Ich habe mir eine Gitarre genommen und Honeysuckle Rose gespielt. Das war mein großes Glück, das kannte einfach jeder. Einen Gitarristen brauchten sie gerade nicht, so wurde ich der Schlagzeuger bei den "Ghetto-Swingers".

Coco wurde Teil einer makabren Inszenierung, mit der die Nazis fürs Internationale Rote Kreuz den Eindruck zu erwecken versuchten, es handele sich um ein humanes Ghetto. Die Ghetto-Swingers spielten im Kaffeehaus, während am Bahnhof Züge nach Auschwitz abgingen; zwei Monate nach Cocos Ankunft wurden seine Großeltern deportiert und in den Gaskammern ermordet.

von Hirschhausen: Was hat den Nazis am Swing eigentlich nicht gepasst?

Schumann: Das ist Neger- und Judenmusik, hieß es. Die Musik war ihnen suspekt, weil sie nicht aus Deutschland und nicht von sogenannten Ariern kam. Wer den Swing im Blut hat, marschiert nicht im Gleichschritt.

von Hirschhausen: Wie war es, im Ghetto Musik zu spielen, die von den Nazis verboten war?

Schumann: Wenn ich spielte, vergaß ich, wo ich war. Ich vergaß Hunger und Elend, die ausgemergelten Menschen, die vielen Toten. Wir waren eine "normale" Band mit "normalem" Publikum. Wir wussten alles und vergaßen alles im selben Moment. Die Musik war ein Schutzschild. Musik und Witze.

von Hirschhausen: Weißt du noch einen?

Schumann: Ein SS-Offizier fordert einen Häftling heraus: "Ich gebe dir ein Stück Brot, wenn du mir sagen kannst, welches von meinen beiden Augen das Glasauge ist." – "Das rechte – es guckt so gütig."

von Hirschhausen: Du kamst nach Auschwitz-Birkenau und hast Dr. Josef Mengele in die Augen gesehen, der dich für Zwangsarbeit einteilte. Dann musstest du La Paloma spielen, ein Lieblingslied der SS aus dem Hans-Albers-Film Große Freiheit Nr. 7. Währenddessen wurden die Häftlinge in die Gaskammer geschickt. Wie konntest du dieses Lied später jemals wieder spielen?

Schumann: Ich konnte es jahrelang nicht. Dann hab ich es mit Humor versucht, bei der Ansage: "Als Nächstes spielen wir La Paloma, auf Deutsch: ›Das schwarze Huhn‹." Dann lachte alles. Das Lied kann ja nix dafür, dass es missbraucht wurde. Ich habe versucht, Auschwitz nicht mit meinem Leben nach dem Krieg zu vermischen.

"Ich juble, dass ich aus dem KZ rausgekommen bin"

von Hirschhausen: Du warst der Erste in Deutschland mit einer E-Gitarre. Wo kam die her?

Schumann: Das war eine akustische Roger-Gitarre, an die wir einen Pick-up gebaut haben. Nach dem Krieg lagen von den Funkern der Wehrmacht haufenweise Kopfhörer rum. Ich hörte Charlie Christian und sagte: Mensch, was ist das für ein komischer Klang. Jemand erklärte mir, dass sie Tonabnehmer haben, die sie unter den Saiten befestigen. So kann man den Klang verstärken. Er fragte mich, ob er mir einen machen solle. So bekam ich den Sound.

von Hirschhausen: Du hast nach dem Krieg lange und überall Musik gemacht, in vielen Clubs, mit großen Bands, auf Kreuzfahrtschiffen – was war denn musikalisch die schönste Zeit?

Schumann: Mit Zacharias, mit dem Helmut. Er Geige, ich Gitarre, dann ging es ab. Nach dem Krieg blühte der Jazz in Deutschland auf. Helmut und ich haben uns großartig verstanden. Ich habe immer geflachst: "Du, Helmut, haste in der dritten Reihe den kleinen Jungen gesehen?" – "Ne." – "Haste nicht gehört, was der zu seiner Mutter gesagt hat?" – "Ne, was denn?" – "Wenn der Onkel das Brett durchgesägt hat, gehen wir dann endlich nach Hause?"

von Hirschhausen: Helmut hat über dich gesagt: "Der Coco weiß schon, was ich spiele, bevor ich es gespielt habe!"

Schumann: Das ist eines der Geheimnisse im Swing. Ich hab auch Jimi Hendrix bewundert, aber ich wollte nie in meine Gitarre beißen. Ich wollte auch nie irgendwen kopieren.

von Hirschhausen: Das hast du mir auch beigebracht: Finde deinen eigenen Ton. Erst wenn du selber kopiert wirst, bist du gut. Und du hast ja deinen Ton gefunden und dein Publikum. Ihr müsst doch in den Berliner Clubs und Bars jede Nacht bis zum Morgengrauen gespielt haben.

Schumann: Abends um neun rein ins Red Rose im Europa-Center, den Club von Bubi Scholz, und morgens um fünf wieder raus. Und wenn wir Freier hatten, die uns ein paar Lagen geschickt haben, wurde es oft mittags um zwölf. Det erklär mal deiner Frau!

von Hirschhausen: Du hast mit sehr bekannten Musikern zusammengespielt, hier hängt ja das Plakat aus dem Titania-Palast.

Schumann: Das war mit Marlene Dietrich 1946 in Berlin. Die Amis standen auf meine Band, wir nannten uns Melody Trio. Und viele Jamsessions gab es mit Louis Armstrong, Dizzy Gillespie oder Ella Fitzgerald. Am Stutti, dem Stuttgarter Platz in Charlottenburg, war der Laden, da kam alles hin.

von Hirschhausen: Spielst du noch Gitarre?

Schumann: Nee. Ich übe manchmal, aber ich merke, ich habe altersmäßig viel vergessen. Ich habe ja alles ohne Noten gespielt, und jetzt frage ich mich, wie war das denn noch. Hier oben ist irgendwo der Kalk ... Aber vom Feeling her ist alles noch da.

Wir packen die Gitarre aus, sobald Coco sie umgehängt hat, geht es los. "One Note Samba" – ein brasilianischer Bossa Nova. Der Swing ist immer noch da, der Rhythmus im Blut, aber die Finger sind langsamer geworden. Wir packen alles wieder sorgfältig ein. Die Gitarre ist Cocos Heiligtum.

Schumann: So, Kinder, das war jetzt wirklich das letzte Mal, dass ich die Gitarre rausgeholt habe.

von Hirschhausen: Ist es schlimm, 90 zu werden?

Schumann: Schlimmer ist, wenn man es nicht wird. Was verlangt man mit 91? Immerhin bin ich bis zum vorigen Jahr noch aufgetreten.

von Hirschhausen: Du warst in deinem Leben dem Tod oft sehr nah – verliert man dann die Angst?

Schumann: Das habe ich mir noch nie überlegt. Ich jammere nicht, dass ich im KZ war, ich juble, dass ich rausgekommen bin. Ich will auch nicht ewig der KZler sein, der Musik macht. Ich bin Musiker, der auch mal im KZ war.

von Hirschhausen: Heute gibt es für viele, die Schlimmes erlebt haben, moderne therapeutische Verfahren. Du hast nie einen Psychotherapeuten gesehen, oder?

Schumann: Nee.

von Hirschhausen: War die Musik eine Therapie?

Schumann: Ja, solange ich Musik mache, habe ich keine Zeit, alt zu werden, sage ich immer. Es gibt auf dieser Welt etwas, das mich beschützt. Mein Leben, meine Freude am Leben haben sie schon damals nicht bekommen. Und die lasse ich mir auch heute nicht nehmen. Ich gucke jeden Morgen in den Spiegel und denke: Ich kann gar nicht so alt werden, wie ich aussehe.

von Hirschhausen: Du bist ein Phänomen ...

Schumann: ... ist das eine Schweinerei?

von Hirschhausen: Quatsch. Ich bewundere dich echt. Oder um mit einem Lied zu sprechen: There will never be another you!

Schumann:It don’t mean a thing, if it ain’t got that swing!

von Hirschhausen: Wenn ich eine Pille hätte, die all deine unangenehmen Erinnerungen verschwinden lassen könnte – würdest du die nehmen?

Schumann: Nein. Es gehört ja alles zu meinem Leben. Es ist mir so bestimmt gewesen, und dann soll es auch so sein. Ich habe im Leben nichts bereut.