Wer sich an die Bundesrepublik der sechziger und siebziger Jahre erinnern konnte, rieb sich angesichts des Wunders der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft im Sommer 2015 die Augen. Ein seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht mehr gesehener Strom von Kriegs- und Armutsflüchtlingen suchte Zuflucht in Deutschland. Und etwas Unerwartetes geschah: Überall in den Aufnahmelagern der Republik boten Freiwillige den Fremden über Wochen und Monate ihre Hilfe an.

So hatte ich das Deutschland, in dem ich aufgewachsen war, nicht kennengelernt. Westdeutschland war in den Nachkriegsjahren offen und sozusagen unverklemmt ausländerfeindlich gewesen. Ich erinnere mich der Hinweise, die ich in den Schaufenstern von Zimmervermittlungen sah, als ich im Jahre 1962 nach West-Berlin kam. "Keine Vermittlung an Studenten und Ausländer!" Abschätzig sprach man – und dies nicht nur in Berliner Eckkneipen – vom "Itaker", vom "Jugo", vom "Kümmeltürken". Übrigens waren die Ängste vor den Italienern und Griechen ziemlich die gleichen, die heute in einschlägigen Internetforen gegen die Flüchtlinge aus dem Nahen Osten laut werden: Angst vor Diebstahl und Einbruch, Angst vor Vergewaltigung und Überfremdung. Wer in einer Gruppe mit einem süd- oder osteuropäischen Akzent deutsch sprach, musste sich die Frage gefallen lassen: Woher kommen Sie? In der die Nachfrage mitklang: Und wann gehen Sie wieder?

Die Studentenbewegung hat mit ihrem internationalistischen Furor – wenn auch höchst selektiv – zu einer Art mentaler Einbürgerung der Migranten in Deutschland beigetragen. Der Kultur der Ablehnung setzte sie freilich eine Art Pflichtliebe entgegen. Im Alltag hatte die Ausländerfreundlichkeit der Linken durchaus Grenzen. Ich erinnere mich eines Kompliments, das mir ein etwas älterer Genosse anlässlich einer Geburtstagsfeier machte. Besonders imponiert habe ihm, sagte er, dass ich zu so einem intimen Fest auch zwei oder drei Ausländer eingeladen hatte.

Die Kehrseite der Xenophilie der 68er war der obligate – ja keineswegs grundlose! – Hass auf Deutschland und alles Deutsche, mit dem die kritische Intelligenz meiner Generation geschlagen war. Wenn ein Linker sich im Ausland vorstellte, sagte er lieber, er sei Europäer beziehungsweise Berliner. Eine groteske Blüte trieb diese Selbstverleugnung in einer Debatte um ein Neuköllner Gymnasium. Als die mehrheitlich muslimische Schülerschaft beschloss, die Umgangssprache im Pausenhof solle Deutsch sein, kritisierte der Grünen-Abgeordnete Christian Ströbele den Beschluss als "Zwangsgermanisierung". Es waren dieser rituelle Hass auf Deutschland und der entsprechende Selbsthass, die im Jahr des Mauerfalls Parolen wie "Deutschland verrecke!" oder "Ausländer, lasst uns mit den Deutschen nicht allein!" auf Dächern und Wänden erscheinen ließen.

Gleich in den ersten Jahren nach der Wiedervereinigung kam der Hass in Gestalt von Brand- und Mordanschlägen gegen Ausländer wieder zurück – in Solingen und Mölln, in Rostock und Hoyerswerda. Wer damals wie ich in einer der sich rasch bildenden Initiativen gegen Fremdenhass aktiv wurde, konnte nicht übersehen: Die Organisatoren des Hasses und die Logistik (Geld, Faxgeräte, Plakate) kamen aus dem Westen; die breitere Basis dafür fand sich im abgewickelten Osten. In der DDR mit ihren damals nicht einmal ein Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachenden, weitgehend kasernierten Ausländern konnte man den Umgang mit Fremden nicht lernen. Überhaupt scheint zu gelten, dass Ausländer als umso störender empfunden werden, je weniger es von ihnen gibt. Auf die Frage des Allensbacher Instituts für Demoskopie, ob es in (West-)Deutschland eher zu viele oder zu wenige Ausländer gebe, erwiderten 79 Prozent der Befragten im Jahre 1984: "zu viele". Im Jahre 2008 fanden nur noch 53 Prozent, dass es "zu viele" seien. Inzwischen war aber die Zahl der Ausländer von 4,4 Millionen auf 7,3 Millionen gestiegen.

Die DDR mit ihrer homogenen Bevölkerung und dem vermeintlich per Staatsgründung erwiesenen Antifaschismus, der den Bürgern eine Art Unschuldsbonus ausstellte, hat den Deutschen ein schwieriges Erbe hinterlassen. Der überproportionale Anteil fremdenfeindlicher Anschläge in Sachsen und Thüringen lässt sich trotz aller Klimmzüge der politischen Correctness nicht wegreden.

Vielleicht hat nichts die convivenza zwischen Deutschen und Migranten so stark befördert wie der Vormarsch ausländischer Fußballstars. Wenn Ballvirtuosen wie Ilkay Gündogan, Levan Kobiasvili oder Henrikh Mkhitaryan für die heimische Mannschaft Tore schießen, dann können plötzlich Tausende von Fans ihre Namen aussprechen und sogar singen.