ZEIT: Wann haben Deutsche begonnen, sich diesen Namen anzueignen?

Fried: Die erste Spur eines deutsch-getönten Selbstbewusstseins findet sich um 1200 in einem Lied Walthers von der Vogelweide. Der besang deutsches Land, deutsche Männer, deutsche Frauen, ihre Tugenden und ihre Schönheit. Das war, soweit ich sehe, die erste Spur eines emotionalen Verhältnisses zu Deutschland.

ZEIT: Was war denn das Deutsche an diesen Deutschen von damals?

Fried: Das Königtum, das ihr Reich und ihre Völker zusammenhielt, das "deutsche Reich", das Imperium, das Heilige Römische Reich, dem man später den Zusatz "deutscher Nation" anhängte. Den Deutschen das Imperium, hieß es im 13. Jahrhundert, den Italienern das Papsttum und den Franzosen das Studium!

ZEIT: Die Deutschen sind also in ihren mittelalterlichen Anfängen keine Kulturnation?

Fried: Nein. Nationale Einheiten sind immer politische Gebilde. Das gilt auch für die Franken, zu antiker Zeit eine Gesellschaft aus zehn, zwölf Stämmen, die lange Zeit ihre eigenen Traditionen pflegten. Erst unter römischem Druck wurde daraus ein einheitliches Volk. Im 7. Jahrhundert kam dann die Vorstellung auf, die Franken seien wie die Römer aus Troja eingewandert. So entstand eine fränkische Nationaltradition, die fränkische Stammessage.

ZEIT: Und die deutsche Stammessage? Die lieferten die Nationalisten des 19. und 20. Jahrhunderts nach mit ihrem Germanen- und Nibelungenkult?

Fried: Das kann man so sagen. Es gab allerdings auch schon frühere Versuche.

ZEIT: Warum kam dieser Wunsch überhaupt auf?

Fried: Wahrscheinlich spielten da vom 12. Jahrhundert an die Universitäten eine Rolle. Die von überall her kommenden Studenten fanden sich in Gruppen zusammen, je nach Herkunft, in den sogenannten Nationen. Da wurde sich dann angepöbelt: Ihr blöden Franzosen, ihr blöden Deutschen! So kam das Bedürfnis nach einer "Nationalgeschichte" auf. Die Franzosen hatten ja eine schöne Sage vorzuweisen, auch einzelne deutsche Völker pflegten ihre Legenden, die Bayern etwa glaubten, aus dem Orient eingewandert zu sein! Den Deutschen fehlte so etwas. So erfand man allerhand Mythen. Dass man von den Tataren abstamme. Oder von einem Riesen namens Teuton. Doch diese Storys konnten sich nicht durchsetzen.

ZEIT: Franzosen aus Troja, Bayern aus dem Morgenland: Lassen diese Legenden darauf schließen, dass Migration und Einwanderung Grunderfahrungen jener Zeit waren und damit auch am Anfang der deutschen Geschichte stehen?

Fried: Aber ja. Bis ins 6. Jahrhundert hinein hielten die Völkerwanderungen an. Aus dieser Zeit stammen viele Wandermotive der späteren Herkunftssagen. Im 15. Jahrhundert kommt dann die Idee auf, die Deutschen stammten von den Germanen ab. Damals entdeckte man eine Schrift des römischen Historikers Tacitus über Germanien, die Germania, die später auch die Romantiker lasen.

ZEIT: Sie zitieren daraus in Ihrem Buch einen verblüffend aktuellen Satz: "Wer würde schon ohne Gefahr Asien, Afrika oder Italien aufgeben, um nach Germanien zu ziehen, in jenes abstoßende Land mit seinem rauen Klima, seiner unfreundlichen Kultur und Erscheinung!" Nur: Wie konnte ein Text mit solchen Aussagen zu einer Bibel von Deutschtümlern wie den Brüdern Grimm werden?

Fried: Sätze wie diesen haben unsere nationalen Märchenerzähler natürlich aussortiert. Sie faszinierte am Tacitus, dass er die Germanen als sittliche Vorbilder lobte – bei aller Rückständigkeit, die er ihnen attestierte. Was sie verkannten: Die Germania war eine Streitschrift, die römische Missstände anprangerte. Mit den "wahren Germanen" hat sie nichts zu tun. Mit den Deutschen schon gar nichts.

ZEIT: In Ihrem Buch geben Sie auch den ersten auf Deutsch überlieferten Satz aus dem 10. Jahrhundert wieder: "Sagemir, uueo namun habet deser man – uuana pistdu – uuerpistdu": "Sage mir, welchen Namen hat dieser Mensch – Von wo bist du – Wer bist du?" Ein Beleg dafür, wie wichtig die Frage nach der Herkunft war?

Fried: Nein. Es handelt sich um Notizen eines romanischsprachigen Schülers, der Deutsch lernt, um eine Art Vokabelheft also. Das Dokument zeigt, dass es offene, neugierige Begegnungen zwischen Fremden gab. Bedeutender für die deutsche Geschichte ist aber etwas anderes: die ausgeprägte Konkurrenz der Einzelfürsten, in denen die föderale Struktur des Reiches begründet liegt, die in der Aufklärungszeit sogar zu einem Vorbild für die politische Struktur der Vereinigten Staaten wurde.

ZEIT: Die Deutschen haben das oft als Schwäche, als Zersplitterung wahrgenommen, die es zu überwinden gelte. Rührt daher das Bedürfnis nach Identität, nach "deutschen Werten"?

Fried: Wahrscheinlich. Die reiche Geschichte der Deutschen seit dem Mittelalter ist dabei vollkommen verschüttet worden.

ZEIT: Was ist deutsch? heißt das erste Kapitel Ihres Buches. Was antworten Sie heute auf diese Frage?

Fried: Wir haben unseren Namen von den Italienern, die Demokratie von den Franzosen, wir lesen die Literatur der Welt, seit unseren Anfängen sind wir ein Produkt von Zuwanderung und Akkulturation. Die Migranten und Flüchtlinge, die jetzt kommen, werden uns abermals verändern. Was deutsch ist? Wir werden damit leben müssen, dass es keine endgültige Antwort darauf gibt. So war es in Deutschland von jeher.