Für einen Moment sah es so aus, als könnte Frankreich es schaffen. Als könnte dem Gastgeber des Weltklimagipfels der Sprung gelingen von einer Nation der Atomkraftwerke zu einem Land der Windräder und Solaranlagen. Damals, im Sommer, als die Nationalversammlung das lange versprochene Energiewendegesetz unterzeichnete. "Wir alle tragen Verantwortung für den Planeten", sagte der französische Präsident Françcois Hollande, "deshalb müssen wir der Welt ein Beispiel geben."

Doch die Welt, die im November in Paris zu Gast sein wird, um über ein neues Klimaabkommen zu beraten, wird Hollandes Vision nicht zu Gesicht bekommen. Frankreichs Energiewende ist in ihren Anfängen stecken geblieben. Statt neuer Solar- und Windkraftanlagen baut das Land nun doch wieder Atomkraftwerke. Nicht wie früher in stolzer Eigenregie an Rhone und Loire, sondern mit chinesischer Hilfe in Großbritannien.

Das energiepolitische Großereignis des Jahres 2015 in Frankreich ist nicht die Verabschiedung des neuen Energiewendegesetzes. Es ist ein Vertrag, den das Unternehmen Électricité de France (EDF) kürzlich mit chinesischen Partnern abgeschlossen hat. EDF ist gemessen an der Produktionsmenge immer noch das größte Stromversorgungsunternehmen der Welt. Sein Chef Jean-Bernard Lévy unterzeichnete nun in London ein Abkommen mit zwei chinesischen Bauunternehmen für Atomkraftwerke. Es geht darin um die Finanzierung von zwei neuen Atomreaktoren im Südwesten Englands.

So will der angeschlagene Konzernriese EDF sein Atomkonzept vor den Zwängen des neuen französischen Energiegesetzes retten, mithilfe der unerschöpflichen Geldreserven seiner chinesischen Partner. Lévys Botschaft: Der Dinosaurier lebt!

In Deutschland kann man sich den energiepolitischen Kampf, der heute in Frankreich tobt, kaum vorstellen. Vergangene Woche befehdeten sich Lévy und Umweltministerin Ségolène Royal sogar in öffentlichen Briefen: Lévy erbat bei der Ministerin eine Verlängerung der Bauzeit seines Prototyp-Reaktors im französischen Flamanville. Im Gegenzug verlangte Royal die Schließung des ältesten EDF-Atomkraftwerks an der Grenze zu Deutschland in Fessenheim. Doch das will Lévy erst abschalten, wenn das neue in Flamanville angelaufen ist. Hollande aber hatte die Schließung von Fessenheim während seiner Amtsperiode bis 2017 zu einem Wahlversprechen gemacht. Ausgang der Fehde: ungewiss.

EDF ist kein Befehlsempfänger. In Deutschland entschieden Fukushima und die Kanzlerin über das Schicksal der Atomkraftwerke. Seitdem steht bei deutschen Stromversorgern wie E.on und RWE kein Stein mehr auf dem anderen. Frankreich aber entsandte auf EDF-Geheiß seine Atomingenieure nach Fukushima – als hätte die Katastrophe allein am Unwissen der Japaner gelegen. Ähnlich wie nach Tschernobyl: Nach der sowjetischen Reaktorkatastrophe weigerten sich die Franzosen anzuerkennen, dass die Radioaktivität im Land gestiegen war. EDF konnte nach Tschernobyl und Fukushima weitermachen, als wäre nichts geschehen.

EDF – 73 Milliarden Euro Umsatz, 155.000 Mitarbeiter – ist ein französisches Unikum, gegründet 1946 und seit je geprägt von unternehmerischem Stolz und starken Gewerkschaften. In den siebziger und achtziger Jahren zog das Unternehmen an die 60 Atomkraftwerke in Frankreich hoch. Niemand stand dem ernsthaft im Wege.