Alfred Dorfer © Peter Rigaud

Überraschung! Die Plattform Medizin-transparent.at stellte fest, dass, wenn österreichische Medien über Gesundheitsthemen berichten, der Realitätsgehalt bei ungefähr elf Prozent liegt. Man könnte daher wahrscheinlich ein negatives Bild des Gesundheitsjournalismus in Österreich bekommen. Das ist sicher ungerecht, denn elf Prozent Wahrheit ist ein Wert, von dem man bei den Berichten im Kultur- und Politikbereich meistens nur träumen kann. Es ist eine alte Tatsache in Medienkreisen, dass die Wahrheit gewissermaßen teilbar ist. Schon der große Heinrich von Kleist, bekannt für seine historischen Dramen und ein Außenseiter im literarischen Leben seiner Zeit, hatte erkannt: "Gib mir was von der Wahrheit, und es wird sich alles, so wie du es wünschest, finden!"

Die Erklärung für diese Erkenntnis muss man in der menschlichen Natur suchen. Zeitmangel im Fließbandjournalismus wird als wesentlicher Grund dafür angegeben, dass allzu häufig der Realitätsgehalt in den Nachrichten eher zu wünschen übrig lässt. Immer wieder zeichnen sich manche Zeitungstitel dadurch aus, dass sogar Interviews, die ihre Reporter vorgeblich führten, tatsächlich vollkommene Fantasieprodukte sind. Ein Großmeister dieser kreativen Methode, der heute als Tennislehrer in Los Angeles sein Auskommen finden muss, nannte sein Metier "Borderline-Journalismus".

Dieser Artikel stammt aus der Schweiz-Ausgabe der ZEIT Nr. 44 vom 29.10.2015. Sie finden diese Seiten jede Woche auch in der digitalen ZEIT.

Es ist also keine Frage von mangelnder Verantwortung bei den Nachrichtenmachern, wenn Schlagzeilen wie Enge Hosen verhindern Zellulite! oder Grüner Tee erspart die Brille! in die Welt gesetzt werden. Nein, schnöde Zeitnot und würgender Stress sind dafür verantwortlich, dass die Volksverblödung wie ein Krebsgeschwür immer weiter wuchert.

Erstaunlich ist auch die Feststellung, dass der unachtsame Umgang mit Fakten in allen Medienformaten in etwa gleich weit verbreitet ist. Das viel gescholtene Internet arbeitet in diesem Punkt also genauso wenig seriös wie die Printmedien, selbst dann, wenn sich manche der sogenannten Qualitätspresse zurechnen. Interessant wäre in diesem Zusammenhang auch, wie hoch jener Prozentsatz ist, den das Inseratenvolumen von Pharmafirmen in den Medien ausmacht.

Denn wer könnte ernsthaft etwas gegen Dienst am Kunden einwenden? "Wes Bier ich trink, des Lied ich sing", meinte schon der alte Walther. Und ehrlich, was soll dieses überkommene, altmodisch linke Gejammer? Nur das selbstlose Engagement der Konzerne hält die journalistischen Qualitätsprodukte in Österreich über Wasser. So gesehen, sind elf Prozent Realitätsgehalt sogar schon eine aufklärerische Meisterleistung.