Es ist eine Zäsur in der Geschichte von Hamburgs traditionsreichster Reederei Hapag-Lloyd: Ab Freitag werden die Aktien der Großreederei an der Börse gehandelt. Jeder hat damit die Chance ein Stück dieses urhanseatischsten Unternehmens zu kaufen. Bislang allerdings verlief der Börsengang holprig: es gibt weniger Aktien als einst geplant, sie kommen verspätet und zum Rabattpreis. Sollte man zugreifen?

Wer sollte Hapag-Lloyd-Aktien kaufen?

Wenn Sie die miesen Zinsen auf ihrem Sparbuch leid sind, keine Schulden haben, sondern sogar Geld, dass Sie in den zehn bis 15 Jahren nicht brauchen, dann kommen Aktien für Sie grundsätzlich in Betracht.

Falls Sie schon einmal Aktien gekauft haben und in dieser Hinsicht ein wenig Leid gewöhnt sind, dieses aber entspannt aussitzen können, umso besser. Für Hapag-Lloyd-Aktien braucht man einen langen Atem.

Sehen Sie sich außerdem als einen Hamburger Patrioten und bekommen eine wohlige Gänsehaut, wenn Sie große Schiffe mit orangefarbene Containern die Elbe entlang fahren sehen, sollten Sie unbedingt weiterlesen.

Ist die Aktie ein Schnäppchen?

Nur weil man diese Frage nie eindeutig beantworten kann, funktioniert das Börsengeschäft: Jeder hofft, dass sich sein Geld dort vermehrt, am Ende muss es aber auch Verlierer geben. Ein bisschen zu spekulieren ist letztlich der Spaß bei der Sache.

Fest steht, dass der Ausgabepreis wesentlich niedriger liegt, als der Konzern eigentlich geplant hatte: Er liegt jetzt bei 20 Euro je Aktie. Ursprünglich war eine Preisspanne zwischen 23 und 29 Euro festgelegt worden. Im letzten Moment hatte allerdings Hapag-Lloyd seinen Börsengang um eine Woche verschieben und die Preisspanne auf 20 bis 22 senken müssen. Der Aktienpreis liegt am Ausgabetag nun am untersten Ende.

Die Stadt Hamburg, einer der bisherigen Haupteigentümer, hat einst mehr als das Doppelte für ihre Anteile bezahlt, nämlich 41,22 Euro. Aus dieser Sicht kann man sagen, dass die Aktie derzeit ein Superschnäppchen ist – oder, dass die Stadt einst viel zu viel bezahlt hat. Je nachdem, ob man glaubt, dass sich das Containergeschäft langfristig erholt.

Warum kostet die Aktie nur so wenig?

Einer der Hauptgründe war, dass die Großreederei Maersk wegen des schwachen Containergeschäfts vor Kurzem eine Gewinnwarnung herausgegeben hat. Das dänische Unternehmen ist die größte Reederei der Welt und galt bislang auch als eine der wirtschaftlich erfolgreichsten. Die Nachricht wurde bei den Anlegern als Alarmsignal gewertet: Wenn sogar das Vorzeigeunternehmen der Branche seine Erwartungen zurücknimmt, ist die Lage ernst. Zahlreiche Aktien-Orders sollen storniert worden sein.

Bei Hapag-Lloyd selbst war offiziell von "schwierigen Kapitalmärkten" die Rede, was für Sie als Käufer nicht zwingend schlecht sein muss. Es heißt letztlich, dass derzeit viele Anleger keine Aktien kaufen wollen oder ihre vorhandenen verkaufen - die Kurse sinken. Das ist für Aktienbesitzer und Unternehmen problematisch. Risikofreudige Käufer hingegen können dabei durchaus ein gutes Geschäft machen.

Wie hoch ist das Risiko?

Wenn Sie die Hapag-Lloyd-Aktien nicht nur aus Spaß kaufen wollen, um Solidarität mit ihrer Lieblingsreederei zu zeigen oder weil Sie schon immer mal das "Siemens der Schifffahrt" im Depot haben wollten, sollten Sie Folgendes wissen:

Analysten, wie der Schifffahrtsexperte Thomas Wybierek, verwenden gern das Bild vom "schwierigen Fahrwasser" in dem sich die Containerschifffahrt befinde. Vor allem, weil die Preise, die Hapag-Lloyd oder andere Reedereien für ihre Dienste verlangen können noch immer extrem niedrig sind: Einen Container von Shanghai nach Nordeuropa zu bringen kostet aktuell zwischen 200 und 250 Dollar. In den richtig guten Zeiten konnten Reeder dafür auch schon 1500 Dollar verlangen.

Die Reedereien versuchen das durch mehr Effizienz auszugleichen, unter anderem indem sie größere Schiffe benutzen, um pro Fahrt mehr Container zu transportieren. Hier beginnt die Abwärtsspirale: Es gibt zu viel Platz auf Schiffen und im Verhältnis zu wenig Transportware. Das wird vorerst auch so bleiben, weil die meisten Reedereien zuletzt riesige Frachter bestellt haben die nächstes und übernächstes Jahr ausgeliefert werden. Verschrottet werden dagegen noch immer zu wenig. Unter diesen Umständen wird es für Hapag-Lloyd wohl nicht leicht.

Langfristig ist es allerdings nach wie vor so, dass die weltweite Arbeitsteilung steigt und immer mehr Dinge transportiert werden müssen, also Containerschiffe gebraucht werden. Außerdem war die Schifffahrt schon immer ein Geschäft mit langen Aufs und Abs, wenngleich das derzeitige Ab bereits ungekannt lange anhält.

Ein weiterer Vorteil: Im Gegensatz zu Aktien von Twitter oder Rocket Internet, stehen hinter Hapag-Lloyd echte Werte zum Anfassen, zum Beispiel rund 200 Containerschiffe. Wenn alles schief läuft, ist wenigstens der Stahl noch etwas wert.

Wann sehe ich Geld?

Kurzfristig: Sobald Sie ihre Aktien teurer verkaufen, als Sie sie erstanden haben. Ob Sie das schaffen, hängt davon ab, wie sich die Reederei in der nächsten Zeit entwickelt. Das erste und das zweite Quartal dieses Jahres hat Hapag-Lloyd Gewinne geschrieben, wenngleich im zweiten schon deutlich weniger als im ersten. Das dritte Quartal ist in der Schifffahrt oft ein gutes, weil bereits die Waren für das Weihnachtsgeschäft transportiert werden. "Im vierten Quartal und danach wird es schwierig", sagt der Analyst Thomas Wybierek.

Derzeit profitiert Hapag-Lloyd von niedrigen Treibstoffpreisen und von den Synergien aus der Fusion mit der chilenischen Reederei CSAV. Letztere werden aber irgendwann in den Betrieb eingepreist sein, und ob die Kraftstoffkosten weiterhin so niedrig bleiben ist unklar.

Langfristig können Sie auch auf eine Dividende warten. Die wird es frühestens 2017 geben, vorausgesetzt die Reederei macht Gewinne und die Mehrheit der Aktionäre entscheidet sich dafür, dieses Geld auszuschütten. Letzteres zumindest ist wahrscheinlich, schließlich will Olaf Scholz schon lange sein einst in die Reederei investiertes Geld zurück und Miteigentümer Klaus-Michael Kühne ist eben nicht nur Reederei-Retter, sondern auch ein Freund von guten Geschäften – und ein solches war Hapag-Lloyd für ihn bislang nicht.

Dieser Artikel ist die aktualisierte Fassung eines Textes, der gedruckt in der ZEIT Hamburg (29. Oktober 2015, Ausgabe 44) erschienen ist.