DIE ZEIT: Herr Tanner, haben Sie das Wahlergebnis schon überwunden?

Jakob Tanner: Es entsprach nicht meinen Präferenzen. Ich war aber nicht enttäuscht, weil ich nicht die Erwartung hatte, dass die Linke gewinnen würde. Wir haben 2015 in Europa ein Superwahljahr. Überall profitieren nationalistische Parteien von einer europäischen Krise. Die PiS in Polen, die FPÖ in Österreich oder der Front National in Frankreich erzielten Erdrutschsiege. Gemessen daran waren die Wahlergebnisse in der Schweiz nicht weltbewegend.

ZEIT: Die gesamte Linke hat unterm Strich verloren. Die SP hat ...

Tanner: ... eine schwarze Null eingefahren ...

ZEIT: ... die Grünen haben verloren. Sie haben selber bei den Sozialdemokraten eine Wahlkampfrede gehalten. Wie erklären Sie sich das schlechte Resultat?

Tanner: Die SVP hat am meisten von der europaweiten Verunsicherung profitiert. Es gelang ihr, drängende Probleme der Gegenwart in Angstszenarien umzusetzen. Sie hatte ein funktionierendes Infotainmentkonzept für die Politik und konnte besser als andere mit Witz-Auftritten punkten. Wir leben heute in einer Welt, in der die Komplexität der Problemlagen selber zu einem eminenten Problem geworden ist.

ZEIT: Ist das nicht etwas zu einfach?

Tanner: Das ist eine Teilerklärung. Wichtig ist weiter, dass die Schweiz in einem harten Standortwettbewerb steht. Das hängt mit der Organisation der Weltwirtschaft zusammen: mit einer nochmals gesteigerten Kapitalmobilität, mit zunehmender weltweiter Ungleichheit, mit steigender Staatsverschuldung und der Suche nach sicheren, rentablen Anlagemöglichkeiten. Das alles gibt Großunternehmen und Finanzmärkten eine enorme Entzugsmacht gegenüber dem Nationalstaat, die demokratisch nicht legitimiert ist. Viele Leute verlassen sich wieder stärker auf nationale Wirtschaftseliten. Die FDP hat genau diese Karte gespielt: Wir haben genügend fähige Leute in der Partei, um dieses Spiel zugunsten der Schweiz regeln zu können.

ZEIT: Trotzdem konnte die FDP nicht derart stark zulegen, wie man dies erwartet hatte.

Tanner: Immerhin konnte sie nach einem Vierteljahrhundert mit Verlusten einen leichten Gewinn einfahren. Um die aktuelle Situation zu verstehen, müssen wir aber auch die radikale Änderung der Subjektivierungsweise berücksichtigen.

ZEIT: Das müssen Sie bitte erklären.

Tanner: Die Vorstellung einer nationalen Solidarität entsprach sozialdemokratischen und liberalen Grundsätzen. Echte Liberale sagen heute noch: Ein Sozialstaat funktioniert am besten unter einem Schleier des Nichtwissens. Es interessiert mich nicht, ob einer faul ist oder ob der raucht oder unvorsichtig fährt. Das gehört zur menschlichen Freiheit, und ein Versicherungssystem muss mit diesen Risiken umgehen können. Die Linke forderte soziale Sicherheit für alle, in Absehung individueller Merkmale. Heute erleben wir aber eine Entwicklung hin zur Humankapitalbildung ...

ZEIT: ... das, was man in Deutschland die Ich-AG nennen würde ...

Tanner: ... der Mensch als Unternehmer seiner selbst, der in einem kompetitiven Raum nach besseren Positionen sucht, der sich über Ratings und Rankings permanent mit anderen vergleicht und alle Lebensbedingungen zu optimieren versucht: Schule, Ausbildung, Krankenkasse, Steuern et cetera. Das Durchschnittliche wird zum Schimpfwort. Nur: Wenn alle überdurchschnittlich werden wollen, ist das Ergebnis ernüchternd.